Kapitel:

 Dêda Plicka

Der kleine Bruno fragt immer wieder nach seinem Vater, nach den Großeltern, und Mutter weiß nicht, wie sie ihm das erklären könnte. Großvater Plicka versucht stetig, sich mit dem Großsohn zu beschäftigen, zeitweise lenkt den das auch ab. Doch immer wieder kam die Erinnerung an Papa in die kindlichen Gedanken.
Opa ist ein um das Seelenwohl des Enkels besorgter Zeitgenosse. Er hat Freude an Bruno, weil der enorm wissbegierig ist. Nicht nur von Sagen über Rübezahl und anderen Berggeistern kann er berichten. Er erzählt ebenso vom Leben der Bergleute in den Stollen des Krušné hory:
»Ich bin mit Leidenschaft Grubenarbeiter gewesen. Auch wenn es gefährlich ist, es hat mich immer interessiert, was unter der Erdoberfläche für Schätze verborgen liegen. Daraus entstanden eben die vielen Fabeln, die es hier gibt, und die stets wieder gerne gehört werden. Vom Rübezahl habe ich dir ja bereits öfters berichtet. Sagen sind Erzählungen über Begebenheiten, die man nicht eindeutig erklären kann«
»děda, (Opa) und dann denken sich die Menschen etwas dazu?«
»Genau, und schmücken das auch noch aus mit Worten, damit die Geschichte länger wird und interessanter zu schildern ist. Zum Beispiel für Jungen wie dich. Ich wollte dir heute aber keine weitere Fabel ausmalen, sondern von meinem Leben unter Tage berichten«.
»děda, war das beschwerlich?«
»Ja, es war eine mühsame Zeit. Und doch war es wunderbar. Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen.       Aber das ist oft so: Das, was man zuerst gelernt hat, begleitet den Menschen das ganze Leben. Egal, ob man Bauer, Seemann, Schmied wie dein Vater oder Bergmann geworden ist. Ich war eben Bergarbeiter, habe im Winter wochenlang die Sonne nicht gesehen, und deshalb entzücken uns zu den Festtagen unsere Schwibbogen. Du kennst sie ja, die mit den Kerzen den Himmel nachstellen wollen«.
»děda, habt ihr im Berg denn gar kein Licht?«
»Doch Bruno, heute gibt es elektrische Beleuchtung, und der Hauer hat an seinem Helm eine Lampe, die ihm genau leuchtet, wo das Erz ist«.
»děda, was ist ein Hauer? Ist das ein Zahn?«
»Du bist ein Witzbold. Der Hauer beim Bergmann ist kein Zahn, sondern der Bergmann, der im Stollen die Erzadern abhaut, mit einem Hammer, deshalb heißt der Hauer. Doch es gibt auch noch andere Berufe im Berg, die dafür sorgen, dass Hauer überhaupt arbeiten können. Aber ich wollte doch sagen, wie es früher war, als es noch kein elektrisches Licht gab. Da musste der Bergmann mit Fackeln in den Berg, die rußten und stanken, weil es ja offenes Feuer war. Und man konnte nur schwer atmen, denn die Flamme hat viel Sauerstoff verbraucht«.
»děda, was ist Sauerstoff, hat der Bergmann einen sauren Stoff am Leib, der vorher in Essig lag?«
»Nein, Bruno, das ist etwas, was in der Luft enthalten ist, was man aber nicht sehen kann, und was Menschen und Tiere einatmen. Wenn sie keinen Sauerstoff bekommen, sterben sie«.
»děda, und wenn die Flamme von den Fackeln den Sauerstoff verbraucht, dann hat der Bergmann keinen mehr?« »Ja, sobald zu viele Fackeln gebrannt haben, war in der Luft nicht mehr ausreichend Sauerstoff für die Hauer, und dann starben sie«.
»děda, dann hast du also immer genügend Sauerstoff gehabt? Du lebst ja noch«.                                                               »Ja, ich hatte Glück, es war stets ausreichend Sauerstoff da. Das lag auch daran, dass stets gutes Wetter im Berg war«.
»děda, aber Sonne habt ihr nicht gehabt, aber Regen und Schnee? Du sagst doch, dass ihr immer gutes Wetter im Berg hattet?«
»Nein, Bruno, Regen und Schnee gibt es nicht unter Tage, mit gutes Wetter bezeichnet der Bergmann die Luft, wenn sie ausreichend mit Sauerstoff angereichert ist«.
»děda, und wie merkt man, ob die Luft genügend Sauerstoff hat, damit der Hauer nicht sterben muss?«
»Früher konnte man das nur daran erkennen, ob die Fackel eine große Flamme hat. Das ist wie bei einer Kerze. Wenn man darüber ein Glas oder eine Tasse stülpt, geht die Kerze aus, weil sie keinen Sauerstoff mehr aus der Luft erhält. So war es auch mit der Fackel. Wenn die Flamme immer kleiner wurde, wusste der Bergmann, dass das Wetter nicht mehr gut war, und dann musste er schnellstens den Stollen verlassen«.
»děda, und wenn der Weg zum Ausgang sehr weit war?«
»Ja, Bruno, dann kam es schon vor, dass der Hauer tot umfiel. Und deshalb gibt es ja die verschiedenen Berufe im Berg, unter anderem den Wettermacher«.
»děda, kann es denn einen Wettermacher nicht auch über Tage geben, dann ist doch immer gutes Wetter«.
»Tja, Bruno, das wäre nun wieder nicht so gut. Dann würde der eine Wettermacher gutes, warmes Sonnenwetter und ein anderer Wettermacher Regen machen, gerade, wie die es gerne hätten. Dann würden die sich überhaupt nicht verstehen, und es gäbe Krieg nur wegen dem Wetter. Nein, Wettermacher gibt es nur im Berg. Die machen nicht Sonne oder Regen, sondern sorgen dafür, dass immer frische, sauerstoffreiche Luft zum Atmen und für die Fackeln vorhanden ist. Die Wettermacher haben diese gute Luft früher mit großen Blasebälgen vom Mundloch in die Stollen geblasen. Heute machen das große Maschinen, und am anderen Ende des Stollens stehen Exhaustoren, die saugen die verbrauchte Luft wieder ab«.
»děda, was ist denn ein Mundloch?«
»Ein Mundloch ist der Eingang zum Stollen, und da kommt der Bergmann auch wieder heraus, wenn er unter Tage keinen Unfall hatte«.
»děda, dann hat der Berg also kein Pupsloch, denn aus dem Mundloch kommt doch alles wieder heraus, so, als wenn der Mensch mal kotzen muss?«
»So ungefähr ist das wohl, aber jetzt glaube ich, ist langsam Schlafenszeit. Deine Matice wird bereits auf dich warten«.
Opa Plicka ist ein geduldiger Erzähler, er freut sich über die Wissbegierde seines Enkels. Kinder wollen alles brennend genau wissen, und sie kommen auch mal mit Brocken daher, die nicht immer ganz stubenrein sind.

Längst sind Monate vergangen, ohne dass ein Lebenszeichen von Anton oder eine Benachrichtigung der Behörden kam. Er blieb einfach verschwunden.
 Natürlich war Anton genauso verzweifelt. Doch was konnte  er tun. Er musste tatenlos hinnehmen, dass man ihn aus dem Leben herausgenommen hat. Dabei konnte er noch froh sein, dass er in keines der KZ überstellt worden ist, bis jetzt jedenfalls nicht. Die Insassen werden mit erheblich mehr Schikanen überzogen, mit Zwangsarbeit, mit Folter und Tod.
Bislang lebt er im Internierungslager Chumotov, weil der Gestapobeamte zweifelt. Sonstige Verhaftete sind bereits längst abtransportiert worden.
Die Eltern und Geschwister Antons sind nach dessen Flucht bei Nacht–und Nebel einzig aufgrund einer Denunziation abgeholt worden; was anderes kann es nicht gewesen sein. Eine Erklärung gab man nicht, nur den schriftlichen Befehl hatte der Truppführer Bruno Grynszpan unter die Nase gehalten. Er fand keine Zeit, zu erkennen, wer die Anordnung unterschrieben hat, geschweige denn, ihn vollständig durchzulesen.
Bei schwerer Bewachung hat jeder der Familie Grynszpan nur das Notwendigste in einen Koffer packen dürfen, alles musste im Eiltempo erledigt werden. Wie Schwerverbrecher wurde die Familie auf einen offenen LKW getrieben.
 Es ging in stundenlanger, diskriminierender Fahrt zunächst ins KZ Sachsenburg, und nach dessen Schließung zusammen mit vielen anderen in Viehwagen der Eisenbahn bis Flossenbürg. Die SS scheute keine Mühen, unter Verdacht gefallene oder missliebige Personen ebenso wie komplette Personengruppen zu inhaftieren. Dass sie sich selber damit letztlich den Todesstoß versetzte, war in der Zeit um 1940 noch nicht zu erkennen. Es ist der Auftakt zu einem beispiellosen Massensterben.

1938 wurde das Lager Flossenbürg eröffnet, die ersten Insassen sind die von den KZ Dachau, Buchenwald und Sachsenhausen überstellten Gefangenen. Sie sind in diesem abgelegenen Gelände im Pfälzer Wald am Lageraufbau beteiligt und müssen im nahegelegenen Steinbruch schwerste Arbeiten verrichten. Bei den Inhaftierungen durch die Gestapo handele es sich um vorbeugende Verbrechensbekämpfungen von Berufs - und Gewohnheitsverbrechern, Gemeingefährlichen, Arbeitsscheuen und Asozialen, stand in den Akten. Sonderaktionen fanden vorwiegend statt gegen Anhänger der KPD, der SPD und Juden. Ebendiese Verhafteten wurden in Schutzhaft genommen.
  Werner Best, ein Hausjurist der NSDAP, hat formuliert, dass sich in Schutzhaft befindliche Häftlinge keinen Anspruch auf rechtlichen Beistand hätten. Wie menschenverachtend das Regime doch handelt. Dieser Best war zeitweise auch Bewacher im KZ Osthofen und vereidigte dabei Angehörige der SS und SA als Hilfspolizisten auf Adolf Hitler. Best war eine zwielichtige Person, mittelbar an Naziverbrechen beteiligt. Nach Kriegsende wurde er durch Mitglieder der Freien Demokratischen Partei (FDP) sogar fälschlich entlastet. Seine Taten sind gerichtlich nie geahndet worden.
Dem Gestapo-Beamten in Chomutov waren also die Details der Inhaftierung Anton Grynszpans bekannt, aber dessen Status ändern konnte oder wollte er nicht. Das überstieg auch seine Kompetenz.
Solche Leute wie den SS-ler Best gab es viele nach der Machtergreifung. Oftmals waren es Zeitgenossen, die wegen der widrigen Zeitumstände aus der Bahn geworfen wurden, oder weitere, die unter der Naziherrschaft ein Leben auf Kosten anderer erstrebten. Es entwickelten sich aber auch Leute zu feurigen Anhängern, die zuvor einen völlig normalen Lebenswandel führten. Die Umstände brachten sie dazu, sich unmerklich zu verändern. Ein Solcher war auch R.H.. Der mit den zwei Gesichtern.

Ende der Leseprobe aus: Vom Krieg und vom Frieden


449  lesenswerte Seiten

ISBN Printbook  978-3-748506-35-5

ISBN eBook       978-3-748506-60-7

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