Musik

 

Ein Nationalsozialist wird vom Saulus zum Paulus

Kapitel

                       Weihnacht im Erzgebirge
Heute geht es auf die langersehnte Erlebnisreise, ins Erzgebirge. Gemeinsam fuhren sie, wie immer, mit dem Zug in 3. Klasse, bis Flöha und wechselten da von der Haupt- in die Nebenbahn, die sie nach Marienberg bringen soll. Das dürfte eine abenteuerliche Fahrt werden, die Strecke führt in vielen Windungen längs des Flusses Flöha in die Berge. Hier war bereits alles winterlich eingeschneit.
Bis zur Zugabfahrt haben beide einen verlängerten Aufenthalt, den sie zum Bummeln im Ort nutzten. War es Zufall, dass sie auch über den Weihnachtsmarkt liefen, der jetzt am Morgen allerdings noch verschlossen ist?
Dabei bemerkten sie die Verkaufsbude der Familie Grynszpan. Der Name war unübersehbar angeschrieben, doch Mitglieder dieser Handwerksfamilie gewahrten sie keine. Wer könnte hier denn hinter dem Verkaufstresen stehen und weihnachtliche Sachen verkaufen? Das hätte R.H. gerne gewusst.
R.H. hat seit etlichen Jahren niemanden der ehemaligen Nachbarn mehr gesehen, jetzt würde er sie mit Freude mal wieder begrüßen. Aber so lange Warten, bis jemand auftauchen wird, vermochten sie nicht, sonst gerieten sie noch in die Gefahr, ihren Zug nach Marienberg zu verpassen. Der wird doch fahren und keinesfalls etwa im Schnee stecken bleiben?
Es hatte nämlich erneut ordentlich was von oben gegeben. Eine wunderbare, weiße Vorweihnachtszeit empfängt die Reisenden. L. denkt sich warme Wintersachen in Marienberg zu kaufen. Man bekommt es dort original erzgebirgisch, nicht so nachgemachte Futten wie anderswo.
Hoffentlich haben sie dann keine Probleme, von da mit einem Schlitten weiter nach Rübenau zu kommen. Radfuhrwerke konnten nicht mehr unterwegs sein. Aber soweit sind sie noch nicht, erst einmal musste man, wenn er denn fährt, mit dem Zug in die Berge hineinkommen. Der Zug fuhr, sogar pünktlich, ab. Er pendelt auf der einspurigen Strecke zwischen Flöha und Reitzenhain hin - und her, dreimal am Tag. Doch bis zur Endstation fahren, um von dort nach Rübenau zu kommen, war wesentlich umständlicher als ab Marienberg.
Auf der Passage, die wegen der kurvenreichen Strecke recht langsam ist, ging R.H. ein seltsamer Gedanke durch den Kopf: Grynszpan, ist das nicht ein jüdischer Name? Mit derartigen Überlegungen hatte er sich bisher noch nie befasst. Jetzt jedoch, in seiner aktiven Wehrsportgruppe, hörte er oft abwertende und anmaßende Äußerungen über das Weltjudentum.
Diese Religion wäre der finanzielle Untergang des Abendlandes, wurde behauptet. Dagegen müsse das deutsche Volk sich wehren. Solche Sprüche vernahm R.H. nach dem Sport. Er erinnerte sich daran, als er den Namen Grynszpan an der Weihnachtsbude gelesen hatte. Er meint, dass es ein jüdisch klingender ist.
Seine Freundin bemerkte die geistige Abwesenheit ihres Freundes, empfand es als eigenartig, dass er sich nicht um sie und die draußen vorbeigleitende Winterlandschaft kümmerte; sie war verstimmt.
»Hey, was ist mit dir, ich bin auch noch da«, holte sie ihn aus der Traumwelt zurück.
»Oh Liebes, Entschuldigung«.
Auf der weiteren Fahrt bemühte er sich, die Nazigedanken aus dem Kopf loszuwerden, er erklärte L. die Landschaft und die an der Strecke liegenden Ortschaften. L. ist entzückt von der langsam vorbeigleitenden, tief verschneiten Winterwelt. Der Zug keuchte und spuckte schwarze Rußwolken aus dem Schornstein, an manchem unbeschrankten Bahnübergang gab er langgezogene Pfiffe von sich. In Plockau zweigt die Verbindung nach Olbernhau ab, in Marienberg werden sie kurz danach ankommen. Somit wäre der größte Teil der Reise geschafft, doch dann geht es in die Winterwelt, per Schlitten, wenn einer aufzutreiben ist. Im Prinzip könnten sie bereits in Zöblitz aussteigen, L. wollte sich in Marienberg jedoch die original- erzgebirgische Winterbekleidung kaufen. Mit dem Nachmittagszug würden sie die eine Station wieder zurückfahren oder im Gebirgsort Fuhrleute treffen, die Richtung Rübenau unterwegs sind. So war die Planung.
R.H. hatte den Besuch bereits vor 2 Wochen seinen Schwestern mit einer Postkarte angekündigt, und freudig sind die Beiden daraufhin eingeladen worden. Unverhofft werden sie also nicht kommen. In Marienberg, das für die umliegenden Orte als kleines Einkaufszentrum fungiert, fand L. mehrere Geschäfte, wo sie das, was sie sich vorgestellt hatte, kaufen konnte.
 R.H. ist von früher her noch passend ausgestattet, er brauchte keine fabrikneue Winterkleidung erwerben. Wenn seine Kleidung auch etwas aus der Mode gekommen ist, störte ihn das weiter nicht. Seine Liebste aber fühlte sich voller Wohlbehagen in ihrer originellen Ausstattung: ein paar kräftige, winterfeste Schneestiefel mit rutschsicherer Profilsohle, dazu ein langer, die Beine umhüllender Rock, ein handgestrickter, dicker Pullover, ein flauschiger Mantel. Und eine Kappe, gefüttert mit Schafwolle–da könnte es kälter als 20 Grad werden, ohne dass sie frieren muß. Ihre Neuerwerbung kann sie gleich im tief verschneiten Marienberg spazieren führen, denn bis zur Abfahrt des Zuges war es noch eine Weile.
Der anstrengende Spaziergang in der frischen Winterluft bescherte Beiden einen Leib und Leben stärkenden Hunger. Den stillten sie in einer der urigen Gaststätten am quadratischen Marktplatz, in der Nähe der Kirche St. Marien. Danach wurde es aber doch Zeit, zum Bahnhof zu gehen, um den Zug Richtung Flöha nicht zu verpassen. In Zöblitz müssen sie dann sehen, wie sie über Ansprung nach Rübenau kommen. Eine Mitfahrgelegenheit auf einem Schlitten von Marienberg aus hat sich nicht gefunden. Auf den tief verschneiten Straßen kurz vor Weihnachten ist es ein Problem, von Ort zu Ort zu reisen.
Wie sonst oft üblich an den kleinen Bahnhöfen in der Provinz, stand hier in Zöblitz aber kein Gefährt bereit. Wie kamen sie jetzt die 4 Kilometer nach Ansprung? Niemand weit und breit zu sehen - also doch: Marschieren.
In dem kleinen Ort Ansprung gibt es den Gasthof >Goldene Sonne<, der praktischer Weise auch ein Fuhrunternehmen zum Transport seiner Gäste unterhält. Denn manchmal hatten Trinkfreudige zu tief ins Glas geschaut und bekamen Probleme, sich auf den Beinen zu halten. Dann ließ der Wirt anspannen, was besonders oft im Winter vorkam. Daran erinnerte sich R.H.. Nicht ausgeschlossen, mit solcher Möglichkeit nach Rübenau zu kommen. Und wenn nicht, würden sie in der »Goldenen Sonne« übernachten können.
Beide sind durch ihre Wehrsportgruppen hervorragend trainiert. Was konnte also passieren? Frohen Mutes und mit Elan machen sie sich auf den Weg. Die Urlauber sind winterlich ausgerüstet, nur der hohe, nicht geräumte Schnee auf der Straße nach Ansprung machte doch zu schaffen.
Weit mehr als zwei Stunden sind sie unterwegs. Niemand begegnet ihnen oder überholt sie mit einem Schlitten. Es wird dunkel, und der Mond bescheint mit fahlem Licht die herrliche, stille Winterlandschaft. Man hörte sogar von einem Wolf ein klagendendes Geheul. Ein anderer antwortete darauf. Könnten die ihnen gefährlich werden?
Mit von der Kälte geröteten Gesichtern, roten Nasen darin und steifgefrorenen Fingern erreichen die Winterwanderer die >goldene Sonne<. In der warmen Wirtsstube werden die Lebensgeister allmählich wieder aufgeweckt, und als sie dann noch ein heißes Getränk schlürften, stellt sich Wohlbehagen ein. Die Spätankömmlinge sind glücklich und zufrieden. Ein deftiges Abendessen wird aufgetischt, der durch die Minusgrade und den langen Marsch erzeugte Hunger gestillt.
Es sitzen weitere Gäste an den robusten Holztischen, kräftige Burschen, die offenbar als Holzfäller das Tagewerk vollbrachten und nun ihr Feierabendbier genossen. Einer von diesen kam R.H. bekannt vor, er meinte, ihn von Rübenau zu kennen. Er sprach ihn an, und ungelogen, er hatte jemanden getroffen, den er von früher her kennt. Man wechselte in die Waldarbeiter-Runde, und dann nahmen die Gespräche kein Ende.
Woher - wohin, was hast gemacht die vergangenen Jahre? Ein Wort gab das Andere. »Un itze wollt ihr nach Rübenau, heit nuch?«
»jo, heit nuch, wenns gieht«
Es ergab sich die Möglichkeit, dass R.H. mit seiner L. auf dem Schlitten der Holzfäller die Schlittenfahrt nach Rübenau mitmachen konnten. Oben auf den Stämmen sitzend, werden sie die kalte Winterlandschaft noch intensiver genießen. Das war für R.H. eine weitere Runde Jagertee wert, mit einem kräftigen Schuss Stroh-Rum darin, natürlich. Sowas Alkoholisches gehört durchweg einfach dazu. Nach einiger Zeit, es ging bereits hart auf Mitternacht zu, machten sich die Naturburschen auf den Weg, oben auf den Stämmen sitzend der Heimkehrer R. mit seiner Freundin. So kamen die beiden Reisenden doch noch zu einer Kufenrutsche an diesem klaren, mondbeschienenen Abend. Die stämmigen Pferde hatten in der Remise gewartet, dann scharrten sie ungeduldig mit den Hufen im Schnee.   Wenn dem Heimkehrenden wie auch seiner Liebsten die Arscherln vom Sitzen auf den rohen Stämmen zwickten - schee  wars allemal. Es war ein wundervoller Auftakt eines Schneeabenteuers.
Auf diesem Wege kumm dr Reisenden nach darhamm, die Schwestern fallen ihrem Bruder um den Hals, und das zu mitternächtlicher Stunde. Die Freundin wurde ebenfalls freundschaftlich begrüßt.
In der warmen, mit Holz geheizten Stube fühlt man sich gleich heimisch, wenige unsichere Augenblicke vergingen, bis man einen gemeinsamen Gesprächsfaden fand. Es war einige Zeit vergangen, seit sie sich zuletzt begegnet sind, doch die Norddeutsche war noch ein unbekanntes Wesen.
Heimelig ist`s, wenn`s weihnachtet. Sobald in den Fenstern die Kerzen leuchten, der Schnee unter den Schuhen knirscht und der Atem in der Luft stehen zu bleiben scheint, ist alle Unrast der Zeit vergessen. Die Leute entwickeln ein Wohlgefühl, wenn sie aus der Kälte draußen kommen, um sich dann auf der gemütlichen Ofenbank zu erwärmen.

Auch Familie Grynszpan stimmte sich auf die bevorstehenden Feiertage ein. In einem Brief hatte Emma ihren Eltern vom außerordentlich erbaulichen Verkaufsergebnis berichtet. Die viele Arbeit im Sommer hatte sich also gelohnt. Am Tag vor Heiligabend würden sie nach Hause kommen. Mit dieser Mitteilung ist bei Bruno, Judith und Artur berauschende Freude ausgelöst worden. Anton freute sich natürlich ebenfalls, obwohl er ja selber keinen Beitrag dazu geleistet hat. Er hat seine Tätigkeit in der Nagel- und Waffenschmiede, die ihm zufriedenstellende Einkünfte bringt.
An einem der Weihnachtstage sind Jana und Votr Plicka aus Kalek zu Besuch eingeladen. Sie kommen mit Pferd und Schlitten, wenn der Schnee dann noch liegt. Doch mit Tauwetter ist hier nicht zu rechnen, weiß ist es oft bis in den März hinein.
Plickas besitzen keinen eigenen Gaul, auch keine Hutsche. Das Gespann haben sie sich von gutherzigen Bekannten geliehen. In dieser armen Gebirgsgegend war man immer auf redliche Nachbarschaft und Zusammenhalt angewiesen, und so sollte es in Zukunft auch bleiben.
Jetzt fiebern beide Familien: Grynszpans auf die Rückkehr der Buden-Verkäufer, Anton sieht seiner Jana mit Vater entgegen, und alle zusammen entzücken sich über die weißen Festtage.
Logischerweise würde R.H. gleichfalls die Nachbarn Grynszpan besuchen. Sie hatten sich ja nicht zerstritten, der Kontakt war nur weniger geworden beziehungsweise abgebrochen. Denn R. war nach Marienberg der Schule und Freiberg der Arbeit wegen »ausgewandert«.Doch natürlich war es unabhängig davon, dass man sich zufolge mehrerer Jahre Trennung zunächst mal etwas fremd vorkam.
Dazu kam bei R.H. noch der plötzliche Einfall in Bezug auf den ungewöhnlichen Namen der Nachbarn. Aufgrund der Verbindungen zur Nazipartei gab ihm das gehörig zu denken. Aber er ließ es sich bei dem Anstandsbesuch keinesfalls anmerken. An einem der nächsten Tage würde er seine Freundin auch mit den Grynszpans bekannt machen.

Die christliche Welt freut sich auf Weihnachten, besonders die Ärmsten der Armen erwarten etwas Freude. Von bemitleidenswerten Leuten gibt es mehr als genug, nicht nur hier im Erzgebirge, sondern im gesamten Deutschen Reich. Die Wirtschaftskrise trifft insbesondere die, die ohnedies am Ende der Schlange stehen. Wer arbeitslos wird und dazu noch viele Kinder zu versorgen hat, kann durchaus am Leben verzweifeln. Dann greift man nach jedem sich bietenden Strohhalm, und wenn es die Rattenfänger der NSDAP sind. Die Nazipartei hat erheblichen Zulauf, einzig aufgrund ihrer Zukunftsversprechen. Ob die Erwartungen auf Arbeit und Brot, wie versprochen, für die allgemeinen Volksgenossen in Erfüllung geht, steht in den Sternen.
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft - die Betonung liegt auf klein. Es muss nicht immer etwas Protziges sein, hier im Erzgebirge ist das ohnehin unüblich. Gastgeschenke sollen von Herzen kommen, da spielt ein reeller Wert nur eine untergeordnete Rolle. Dazu zahlten sie für ihre Unterkunft: Alle sind zufrieden, der Hauptgrund der Freude aber war, dass die Familienmitglieder, außer den weit verstreuten, einmal wieder zusammen sind zu den Feiertagen.
Doch die Familie ist überschaubar geworden, es wohnen nur noch die beiden Schwestern in Rübenau. Sporadisch nur bestehen Kontakte zu den entfernt wohnenden Geschwistern. Schade. Es könnte wirklich begrüßenswert sein, wenn früher oder später alle, und sei es nur zu den Festtagen, friedlich vereint wären.
Anders ist das bei der Nachbarsfamilie Grynszpan. Die leben einträchtig unter einem Dach, und die Familienbande wird sich weiter vergrößern durch Jana. Anton und Jana - das ist ein versprochenes Paar.
Am Tag vor dem Heiligen Abend kamen Emma und Joseph von ihrer Verkaufsreise aus Flöha zurück. Vater Bruno holt sie mit dem Pferdeschlitten vom Bahnhof in Zöblitz ab.
Ein Pferd im Stall und einen kleinen Transportwagen, der mit Kufen zum Schlitten umgebaut werden kann, gehörte seit einiger Zeit zu ihrem Eigentum.
Heiligabend wird in den meisten Erzgebirgsfamilien stimmungsvoll begangen. Bei Grynszpan`s singt mit Klampfenbegleitung durch den musikalischen Bruno die Familie erzgebirgische Lieder:
https://youtu.be/Aj_dcwZWs8M
https://youtu.be/w3ZVFj_z4Gg
https://youtu.be/qqVTUEm82ZI

Gegen Ende des Heiligen Abends das Lied, das im Erzgebirge und darüber hinaus Kultcharakter erlangt hat und keinesfalls fehlen darf:   https://youtu.be/Q13J_akOnF4

                                    Dr Vuglbeerbaam

1. Strophe
    Kann schinn’rn Baam gippt’s  wie dann Vuglbärbaam,
Vuglbärbaam, Vuglbärbaam.
As werd a su lächt nett ann schinn’rn Baam gahm,
schinn’rn Baam gahm,ei  ja
Ei ja, ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam, ann Vuglbärbaam,      ann Vuglbärbaam,
    ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam, ann Vuglbärbaam, ei ja.                                   2. Strophe
Bei’n Kanner sein Haus stieht a Vuglbärbaam,
Vuglbärbaam, Vuglbärbaam,
da sitzt unn’rn Kann’r sei Weibs’n drnahm,
Weibs’n dernahm, ei ja
ei ja, ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam, ann Vuglbärbaam,
ann Vuglbärbaam,
Ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam, ann Vuglbärbaam, ei ja.
3. Strophe
No laßt sa näh sitze’n, se schleft ja drbei,
schleft ja drbei, schleft ja drbei –
Unn hot se’s verschlohf’n, do huln mr sche rei,
huln mer sche rei, ei ja,
     Ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam, ann Vuglbärbaam,
ann Vuglbärbaam,
 Ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam, ann Vuglbärbaam, ei ja.                                      4. Strophe
Unn wenn ich gestorm bieh – iech wär’sch nett drlaam,
wär’sch nett drlaam, wär’sch nett drlaam –
Do pflanzt off mei Grob fei ann Vuglbärbaam,
ann Vugelbeerbaam, ei ja,
     Ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam, ann Vuglbärbaam,
ann Vuglbärbaam,
Ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam,ann Vuglbärbaam, ei ja.                                        5. Strophe
Kann schinn’rn Baam gippt’s, wie dann Vuglbärbaam,
Vuglbärbaam, Vuglbärbaam –
As ka a su lächt nett ann schinn’rn Baam gahm,
schinn’rn Baam gahm, ei ja,
     Ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam, ann Vuglbärbaam,
ann Vuglbärbaam,
ei ja, ei ja, ann Vuglbärbaam, ann Vuglbärbaam, ei ja.
                             https://youtu.be/sZ6EYWJfdZQ

Ganz so stimmungsvoll ging es bei der Familie H. nicht zu, weil hier niemand ist, der Musik machen kann. Aber R.H. hat eine klangvolle Stimme, und also sang er auch mit Leidenschaft das Vogelbeerbaum-Lied.
Die Geschwister stimmten ein, und L. war von dem Liedvortrag tief ergriffen. Singen, und dazu noch in dieser Weise melodiös, hatte sie ihrem R. ja überhaupt nicht zugetraut. Dafür umarmte und küsste sie ihn, im Beisein seiner Schwestern. Sie hatte keinerlei Hemmungen dabei, aber R.H. schaute doch etwas konsterniert.
Heiligabend klang dann geruhsam aus, in allen Familien mit Punsch und Krapfen, wie es im Erzgebirge seit Alters her üblich ist. Davor aber gab es das typische »Neinerlei«, ein Essen aus neun verschiedenen Zutaten, speziell zum Heiligen Abend. Für L. war diese Speise natürlich unbekannt, in ihrer Heimat isst man traditionell meistens Kartoffelsalat mit Würstchen.
Um Mitternacht geht man herkömmlich zur Mitternachtsmesse. Da traf sich dann die freudig gestimmte Einwohnerschaft von Rübenau. Oft trifft man dabei Verabredungen, wer wann, wen besucht. Auch H.`s sind eingeladen worden, zu den Grynszpans am 2. Weihnachtstag.
Am 1. Festtag werden Grynszpans Besuch aus Tschechien bekommen, aus Kalek. Der Gegenbesuch von Jana und Votr Plicka ist lange geplant. Da war natürlich Aufregung im Haus, wie vor Wochen, als die Rübenauer ein Kennenlernen bei Plickas hatten. Zum Fest soll alles noch etwas gediegener sein, denn es ist Weihnachten. Für Anton und Jana das erste gemeinsame Weihnachtsfest.
Anton ist aufgeregt, die Eltern sind es ebenso, nur die Geschwister sind die Ruhe selbst. Es betrifft sie ja nicht, es sind ja nicht ihre zukünftigen Schwiegereltern und Jana? Na ja, man kann sich ja mal dieses in absehbarer Zeit zuwachsende Familienmitglied ansehen. Man tat, als wenn eine Verlobung bereits eine beschlossene Sache wäre. Nur Anton und Jana haben davon keinerlei Ahnung.
Es ist nach wie vor strammer Winter. Zwischendurch schneite es erneut ergiebig. Außerhalb der Ortschaften gab es zu Fuß kein Durchkommen, und in den Dörfern musste fleißig Schnee geschippt werden. Dawar es ja passend, dass R.H. dieses Jahr in Rübenau ist. Was sonst seine Schwestern selbst hätten machen müssen, übernahm jetzt der stattliche Bruder. Das Schippen war auch ein gewisser körperlicher Ausgleich dafür, dass zurzeit im Wehrsportverein das Training ausfiel. So blieb er wenigstens äußerlich fit.
Der kräftige Anton wühlte sich ebenfalls durch die Schneeberge, manchmal wurde er unterstützt von seinem Bruder Joseph. Die Nachbarn trafen sich gelegentlich bei dieser schweißtreibenden Arbeit, die natürlich immer wieder mit Lorxn unterbrochen wurde. Dann gab es einen Schluck (oder zwei) aus dem Stampf, der mit Kopf im Nacken hinter die Binde geschüttet wird. Danach konnte man sich stets tüchtig schütteln, denn das ist wirkungsvoll gegen die Kälte und bringt den Schnaps in alle Körperregionen. Es ist alte Tradition, sich gelegentlich zu einem kurzen oder längerem Lorxn (Gespräch) zusammenzufinden.
Am 1. Feiertag allerdings hatte Anton nicht viel Zeit zum Lorxn, denn Jana kommt ja zu Mittag. Bis dahin musste im Haus noch allerhand gerichtet werden. Aber man würde sich ja am 2. treffen ....
Anton hatte L. bereits flüchtig kennengelernt, er fand, dass es ein besonders patentes Weib wäre. R. ist damit passend bedient, wie er meint.
Dann kam der bedeutungsvolle Moment, der Pferdeschlitten mit Plickas kam die Dorfstraße herauf, das Pferd dampfte vom munteren Lauf und wieherte voller Lebensfreude in die Schneelandschaft. Die Zollstation hat man ohne wesentliche Kontrolle passieren können. Auch Zöllner sind Menschen und übersehen mal ein paar Flaschen Strohrum ....
 Anton kann die Ankommenden endlich begrüßen. Er half Jana vom Schlitten, wobei sie ihm gekonnt in die Arme glitt. Ihre von der Fahrt kalten und Antons warme Lippen trafen sich zu einem innigen Kuss. Der währte so lange, bis ihre Schnute rot glüht. Nicht mit einem Schmatz, aber doch überaus herzlich wurde Janas Votr, der Rosselenker, willkommen geheißen.
Anton geleitet den Besuch zur Willkommenheißung durch die Familie ins Haus, doch endlos konnte er sich damit nicht aufhalten. Das Pferd musste trocken gerieben werden, um zu verhindern, dass es sich erkältet, und einen Korb Hafer soll es ebenfalls bekommen. Anton macht sich an die Arbeit und bekam dazu unversehens Hilfe. Jana wollte ihn dabei unterstützen, auch, um seine Nähe zu genießen. Als die tschechische Rosinante versorgt und zu ihrem Eigenen in den Stall gestellt war, konnten beide die häusliche Wärme auf sich wirken lassen.
Jetzt haben der Rappe ebenso wie die Familie weihnachtliche Gesellschaft. Es werden kleine Begrüßungsgeschenke ausgetauscht, worauf sich die freudig erregte Runde in eine festlich geschmückte Weihnachtsstube begibt und der Dinge wartet, die da kommen sollen.
»Schie ist`s, mit euch heit Weihnachn zu fiern«, sagte Bruno, »harzlig Willkomm noch eemol«.
Mittagessen, Kaffeetrinken, Abendbrot - alles in harmonischer Atmosphäre, bei erfreulichen Gesprächen, wobei man immer wieder auch mal mit einem Gläschen anstößt. Man fühlte sich trefflich an diesem 1. Weihnachtstag im Hause Grynszpan. Viel zu rasch verging der weihnachtliche Tag, man kam nicht umhin, fast in der Nacht die Schlittenfahrt zurück nach Kalek anzutreten, bei eisigen Temperaturen. Geschneit hatte es zwischendurch nicht mehr.
Jana verabschiedete sich besonders charmant von Anton, »bis Bälde, am Sylvester, in Kalek, Glig af«. Heiße Küsse wurden zum Abschied getauscht. Der Schlitten verschwand viel zu flott für die Liebenden in der mondhellen, klaren Winternacht. Das Bimmeln der Pferdeglocken klingt noch lange vernehmbar hinterher.
Bei den Nachbarn H. wird gleichfalls Weihnachten gefeiert. R.H. und L. verstanden sich wunderbar mit beiden Schwestern, die allerdings lange ins heiratsfähige Alter gekommen sind. Aber es hatten bislang keine passenden Homberichs (Liebhaber, Verliebten) bei ihnen angeklopft. Es wurde langsam Zeit. Doch was nicht ist, das kann ja irgendwann noch kommen. Sitzengebliebene Jungfern wollen die Zwei keinesfalls werden. Es freute sie, dass ihr Bruder und seine L. sich gefunden haben. Wenn sie auch im wahrsten Sinne des Wortes »vom letzten Dorf vor Grenze« sind: Moralische Bedenken zum Zusammenleben von Bruderherz und Schwägerin »in Spee« haben sie nicht. Was könnten sie zudem dagegen unternehmen; sie würden nur die familiäre Eintracht aufs Spiel setzen.
Der zweite Feiertag war reserviert zum Besuch bei Nachbar Grynszpan. Noch immer ging R. dieser nicht in die Gegend passende Familienname aus dem Kopf. Früher hatte er sich nie darüber Gedanken gemacht, jetzt, seit er mit der SA sympathisierte, war das durchaus anders. Ein jüdischer Name in Rübenau, da versteckt sich doch hoffentlich nicht ein unchristlicher Glaube hinter? Jüdische Menschen, die von Adolf Hitler so vehement abgelehnt werden?
R.H. wollte sich aber kein Fünkchen anmerken lassen, die behagliche Weihnachtszeit keinesfalls mit Vermutungen belasten. Irgendwann würde er bei seinen Überlegungen zu einer Erkenntnis kommen.
Sei es, wie es wolle: Trotz aller Studien der Geschichte fand R. nicht den Grund heraus, weshalb Adolf Hitler in dieser Weise leidenschaftlich und hasserfüllt das Judentum ablehnte. Hatte er in der Jugendzeit persönliche negative Erfahrungen gesammelt? Hitlers Vater war Zollbeamter gewesen, der sich zuerst Schicklgruber nannte. Nach dessen und dem Tod der Mutter lebte er eine Zeit lang von seinem Erbe, besuchte die Realschule in Steyr aber ohne Abschluss. Hitler wohnte dann in einem Obdachlosenasyl und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch. Als Kriegsfreiwilliger tritt er in das bayrische Regiment List ein und wird an der Westfront schwer verwundet. Am 15. Oktober 1918 erleidet er bei einem Gasangriff eine Vergiftung, die zu zeitweiser Erblindung führt. Er wird mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet. Das ist ein prägendes Erlebnis für ihn, das ihn offensichtlich zu dem Despoten werden ließ, der er später war. Ob aufgrund dieser Kriegserlebnisse der Judenhass des Adolf Hitler entstand und massiv gepflegt wurde?
R.H., L. und beide Schwestern sind zum Kaffeetrinken eingeladen, es ist alles fast wie früher. Aus den entbehrungsreichen Jahren der Inflationszeit hat man sich etwas herausgearbeitet. Jeder hat aus der Kinder- und Jugendzeit einen eigenen Lebenslauf zu erzählen. R. berichtet von der Schulzeit in Marienberg, der kurzen Lehre und anschließender Anstellung im Bergbaumuseum Freiberg. Von der »Leibesertüchtigung« in der Sportgruppe schwärmt er, doch seine Sympathie für die SA wird verschwiegen.
L. erzählte davon, weshalb sie von Norddeutschland nach Chemnitz, Chamz, gezogen ist. Vom Freitod ihrer Mutter, der Bürotätigkeit in der Firma und wie sie R. kennengelernt hat.  Der Film von Charly Chaplin hat sie zusammengebracht. Das alles vermochte sie äußerst anschaulich zu schildern. Sie lebt gerne in Chamz, denkt aber auch oft an ihre norddeutsche Heimat. Dann ist sie wehmütig, dass sie wegen des Todes ihrer Mutti ein Zerwürfnis mit ihrem Vater hat.
 Das Leben der Gastgeber spielte sich überwiegend in Rübenau und Umgebung ab. Nur bei den jährlichen Verkaufsfahrten mit ihren selbst hergestellten, künstlerisch gestalteten Holzarbeiten, womit sie meistens positive Verkaufserfolge erzielen, kamen sie in andere Gegenden. Anton berichtete anschaulich über seine Arbeit in der Nagel- und Waffenschmiede, erwähnte eigene Bedenken, wofür die vielen Gewehre und Pistolen denn Verwendung finden könnten. Damit plauderte er kein Betriebsgeheimnis aus - es war Allen bekannt, dass in der Schmiede Unmengen von Waffen hergestellt werden. R. wusste allerdings nicht, dass Anton in dieser Fabrik, mittlerweile bereits in verantwortungsvoller Position, beschäftigt ist. Aber er ist ja nichts weiter als ein Mitläufer in der SA, über die Verwertung der Schusswaffen hat er keinerlei Kenntnisse. Produziert man die Kriegswerkzeuge denn im Auftrag der SA? Das wusste Arnold auch nicht.
Der Nachmittag verging wie im Fluge. Am Abend, als der volle Mond wieder die Schneelandschaft beschien, machte man zusammen noch einen längeren Spaziergang um den Ort herum. Es ist kalt, vor der kleinen Dorfkirche sind wie jedes Jahr zur Weihnachtszeit Stände aufgebaut. Hier gibt es heißen Punsch in außerordentlich dickwandigen Gläsern und spezielle Liköre in fipsigen Stamps. Die Punschgläser erinnern noch an die lange vergangene Glasbläserkunst in den Erzgebirgsorten.
Man konnte sich hier einen Kümmel, einen Annaberger Kloster oder ein Hexenblut hinter die Binde kippen, was auch ausgiebig gemacht wurde. Hier traf das Dorf sich, um sich innerlich aufzuwärmen, und wenn man genug davon hatte, fing man an zu Lorxn. Dann kamen allgemeine Themen wie die drohende Wirtschaftskrise ins Gespräch. Oder die beängstigende, revolutionäre Parteienlandschaft. Doch irgendwann suchte jede Familie ihr anheimelndes Zuhause auf.
Die Weihnachtsfeiertage 1928 klangen in Harmonie aus. Sylvester stand vor der Tür, wollte hereingelassen werden, und die Menschen allerorten orakelten, was aus dem Neuen Jahr wohl erwüchse. Kaffeesatzlesen bringt aber auch niemanden weiter, da hält man sich besser an die erkennbaren Fakten. Doch die sehen düster aus.
Anton wird zusammen mit Jana und Freunden in Kalek ins Nächste hineinfeiern. Die älteren Grynszpans sind eingeladen bei H`s - man bereitete sich überall auf das Kommende vor.

Zwischen den Jahren wurde in der Waffenschmiede nicht gearbeitet, auch nicht in den Verwaltungen, wo R.H. und L. angestellt sind. Das ist zwar reichlich unüblich, denn in der Zeit der Jahreswende wird im gesamten Land Inventur gemacht. In diesen Betrieben jedoch gab es freien Zeitraum. Deshalb hatten alle drei Beschäftigten Muße, die Feiertage in Ruhe zu begehen.
Anton ist an Sylvester bereits früh in Kalek, weil, da sollte zudem mit Nachbarn gefeiert werden, und dabei könnte er einige Leute etwas näher kennenlernen. Es erfordert auch noch diverse Vorbereitungen, damit der Jahreswechsel fröhlich gelingen kann. Das tschechische Nationalgericht wird auf den Tisch kommen: Schweinebraten mit Knödeln und Kraut, und das bedarf ja allerhand Vorbereitungszeit. Anton wollte hierbei helfen, auch wenn das nicht unbedingt eine Lieblingsbeschäftigung von ihm ist. Doch er war bei Jana in der Küche, und das war ihm vonnöten.
Als dann alles gerichtet war, kamen die eingeladenen Nachbarn, jeder mit einer Flasche Hochprozentigem unter dem Arm. Es ist eine illustre Gesellschaft, die sich bei Tisch einfindet. Eine hilfreiche Unterlage hatte man durch das reichhaltige Essen geschaffen. Mit Sicherheit wird noch mancher Schluck seinen vorbestimmten Weg finden.                                                                                                         Jana ist ein humorvolles Mädel, sie brachte gleich Schwung in das Beisammensein. Bis Mitternacht wurde die Stimmung immer ausgelassener, und niemand kam auf den Gedanken, dass Anton ja noch über die Grenze müsse. Ob die in der Silvesternacht überhaupt geöffnet ist?
Das Neue Jahr wird gebührend begrüßt, und es wurde weiter gefeiert und getanzt zu Musik aus dem Quetschkasten. Bis gegen morgen ein Gast nach dem anderen an irgendeinem Ort in sich zusammensackte. Jana und Anton hatten ebenfalls ihren Teil weg, eng umschlungen schliefen sie endlich in einer Sofaecke ein. An ein Heimgehen dachte keiner. Wäre physisch auch nicht mehr durchführbar gewesen.
Es ist das erste Mal, dass Anton über Nacht in Kalek blieb; und niemanden störte es.
In Rübenau ist man gleichgut ins frische Jahr gekommen, Bruno hatte seine Klampfe mitgebracht, es herrschte ausgelassene Stimmung bis in den frühen Morgen. Selbst gemachte Musik kommt immer ausgezeichnet an, und wenn die Gesellschaft auch noch lauthals und im Ansatz melodisch singen kann, umso besser.
Der Neujahrstag ist von manchem mit einem Brummschädel begrüßt worden, aber dafür sind die ersten vierundzwanzig Stunden der 365 Tage ja gedacht: zum Ausschlafen und zum Bilanzziehen.

Leider gehen nette Mußestunden viel zu eilends vorbei. Nach dem Feiertrubel zog der Alltag wieder ins Land. Die Arbeit ruft, und froh darf man sein, wenn die Firma noch genügend Beschäftigung hat. Dunkle Wolken ziehen am Wirtschaftshimmel Deutschlands auf. Und dabei sollte doch alles besser werden?
Besonders für L. war es eine wunderschöne Zeit in Rübenau. Das hatte sie sich nicht träumen lassen, dass die herrliche Winterlandschaft im Erzgebirge sowie die Harmonie unter allen Familienmitgliedern und den Nachbarn sie so beeindruckt. Mit den rückblickenden Gedanken daran wird man den tristen Alltag in den oft unpersönlichen, überlaufenen Städten besser verkraften können. Wenn es nur nicht die Angst vor politischen Auseinandersetzungen und zunehmender Armut gäbe.

Nach der Weihnachtspause geht das Training in der Wehrsportgruppe von Freiberg wieder an. Im Winter übte man auch etwas Skilaufen, R.H. hatte gewisse Kenntnisse noch von Rübenau aus seiner Kinderzeit. Um in der schneereichen Zeit beweglich zu bleiben, muss man, besonders in den einsamen Bergdörfern, auf Brettern einigermaßen laufen können.                                                                                                   Aufgrund der Erlebnisse bei den Parteiveranstaltungen kam R.H., auf wiederholtes Drängen der Vereinsführung, zu dem Entschluss, doch in die SA einzutreten. Auch wenn er gewisse Vorbehalte hatte: Erhebliche Befürchtungen, dass Deutschland im Chaos versinken könnte, bewogen ihn dazu. Wieder einer, der den Nationalsozialisten auf den Leim gegangen ist, der von den Visionen Hitlers, zunächst nicht bedingungslos, überzeugt worden war.

Damit begann eine verhängnisvolle Wandlung von R.H. Es ist wie die Häutung einer Schlange. Fast unmerklich für Andere wurde er zu einem willfährigen Anhänger der hitlerschen Doktrin.
Vorerst ging alles seinen bisherigen Gang, allerdings besuchten sich R.H. und L. jetzt oft gegenseitig. Im Winter kann man in Freiberg oder Chemnitz außerhalb der Wohnungen wenig unternehmen. Deshalb fuhren sie ab und an auch mal nach Dresden. Dort gibt es interessante Museen zu besichtigen. Daran sind beide interessiert, wiederholte Besuche erweitern ihren Bildungshorizont.
In der sächsischen Metropole sind es neben dem Zwinger mit seinen Wechselausstellungen noch weitere Kunsthallen, doch nicht alle interessieren gleichermaßen. Deshalb trennen sich manchmal R.H. und L., um jeder für sich Hochinteressantes in Ruhe anschauen zu können. Am vereinbarten Treffpunkt fand man sich später wieder. Ab und zu musste der Eine auf den Anderen mal etwas länger warten–wenn eine Ausstellung besonders beeindruckte. Dann vermag man einfach nicht davon loszukommen. Dafür haben beide Museumsbesucher volles Verständnis. Es kann ja immer mal Einer von den präsentierten Exponaten glattweg überwältigt sein. R.H. interessierte sich für das Polizeimuseum, L. im Speziellen nicht so. Hier sind an die 70.000 Museumsstücke gesammelt, die aber nicht ständig alle präsentiert werden.
Als Dauerausstellung sind 350 polizeiliche Schusswaffen aus mehreren Epochen sowie auch eine gefälschte Briefmarkensammlung zu sehen. Interessant zu erleben, wie viel Aufwand die Fälscher betrieben, um wertvolle Marken zu kopieren.
Die Fälschungen sind nur von ausgewiesenen Experten zu erkennen.
Was R.H. als Geschichtsinteressiertem brennend interessierte, ist das Museum »Festung Dresden«, direkt an der Elbe gelegen unter den Brühlschen Terrassen. Die »Rüstkammer«, wo, wie der Name es bereits ausdrückt, Waffen, Harnische und historische Gewänder zu besichtigen sind. Weshalb R.H. sich besonders für diese Museen begeistert, konnte er sich selber nur mit seinem Geschichtsinteresse erklären.
 L. jedoch hat mehr Interesse für die Porzellansammlung im Zwinger. Exponate aus Meißen sowie herrlich bemalte Vasen und Figuren aus China werden dort präsentiert, ständig bewacht vom argwöhnischen Aufsichtspersonal.
 Das Museum für sächsische Volkskunst mit vielfältigen Ausstellungsstücken über das erzgebirgische Brauchtum erregt ihre besondere Aufmerksamkeit. Ebenso eine Sammlung von entzückend geschnitzten Puppenspielfiguren, gewandet in landestypische Kleidung und den zugehörigen Requisiten. Dieses beeindruckte ebenfalls R.H., und er konnte L. hier sogar als sachkundiger Führer dienen.
Das alles war natürlich nicht an einem Tag zu besichtigen, hierzu benötigen sie mehrere Besuche Dresdens. Das ist ja auch besonders in ihrem Sinne: Gemeinsam etwas unternehmen, und wenn es dann zur Erweiterung des Horizontes beiträgt, schweißt das Erlebte sie nur noch enger zusammen.
Auch für Anton beginnt das funkelnagelneue Jahr wieder mit viel Arbeit. Doch neben seiner Tätigkeit ist er ein naturverbundener und verliebter Erzgebirgler. Jetzt konnte er, im harten Winter bei ausreichender Schneelage, auf den Skiern nach Feierabend flottweg noch mal ins Böhmische zu Jana rüberlaufen.
»s` Feierohmt, s` Feierohmt«. Stets ist er hochwillkommen, und ein Schlitzohr ist er ja ebenfalls: Beim Abschied holte er sich gerne eine Handvoll Brusttee, heiße Küsse auch, ebenso einen Jager mit Rum aufgefüllt, als Wegzehrung. So göttlich ist die Liebe, wenn sie denn intensiv gelebt wird.
Immer kreisten bei Anton die Mengen an Schusswaffen im Kopf herum, auch die tonnenweise hergestellten Sohlennägel. Wurden derart viele Stiefel benötigt, und weshalb das alles?
Emma, Joseph und Artur Grynszpan fangen bereits wieder an, für das nächste Weihnachtsfest Figuren und Lichterbogen herzustellen. Sie hatten letztes Jahr immens tüchtig verkauft, Restbestände sind kaum vorhanden. Die Ware vermarkten sie selber, nicht mehr über die Aufkäufer und Manufakturen wie in vergangenen Perioden. Den Zwischenhandel können sie für sich verdienen, wenn der Vertrieb auch mit erhöhtem Aufwand und Kosten verbunden ist. Bruno und Judith genießen ihr Altenteil, nur in Stoßzeiten möchten sie noch mit einspringen. Sie hatten sich im Leben genügend verkrümmt und deshalb das bedächtige Altersdasein verdient.
Aber wird es wieder heiße Phasen geben? Nach allem, was man so hört und bemerkt, wenn man mit wachen Sinnen am Tagesgeschehen teilnimmt, sind die Zukunftsaussichten nicht besonders rosig. Hoffentlich wiederholen sich keine erlebten, schweren Zeiten.                                                                                                                                                                                                                                       Es geht langsam auf das Frühjahr 1929 zu, der herrliche Winter in den Bergen ist Geschichte. Das Leben für L. und R.H. kreist zwischen den Städten Chemnitz, Freiberg und Dresden. Manches Museum - es gibt allerhand in dieser Landeshauptstadt -, ist besucht worden, nicht zum Schaden der auswärtigen Besucher.
Der Mensch ist eine eigenartige Kreatur. Er sucht stetig Anregungen und Erfüllung in der Fremde, das Gute vor der eigenen Haustür wird oft nicht bemerkt. R.H. ist Mitarbeiter im Bergbaumuseum Freiberg. Außer der Verwaltung über Tage hat er von den Schätzen in den übrigen Räumen des Domherrenhofes allerdings noch kaum etwas gesehen.
Nach Dresden fährt er oft mit seiner L., bewundert Vieles: Aber das Museum, in dem er selber beschäftigt ist, kennt er eher nicht. Erst L. macht ihn darauf aufmerksam, für welches Kulturgut er überhaupt arbeitet. Sie hat ihm zunächst die Augen öffnen müssen. Da wird er bisher Versäumtes schnellstens nachzuholen haben. R.H. wird Visiter im eigenen Haus.                       Einzigartig sind die Ausstellungen mit Meisterwerken bergbaulicher Kunst sowie spätgotischer Sakralkunst Obersachsens, wie er dann feststellt. Die Verbindung repräsentativer Architektur kunstvoller Gewölbe des Gebäudes und exquisiter Kunstobjekte vermittelt dem Besucher einen besonderen Eindruck von der Historie der Bergstadt Freiberg.
Zu den Highlights der Expositionen zählen u.a. Gemälde von Lucas Cranach d.J., der älteste Schwibbogen der Welt, einmalige Goldschmiedekunst und herrliche Bergbauschnitzereien Sachsens. Auch das Silberbergwerk Freiberg hatte R.H. noch nicht besucht. Hier kann man unter Tage einfahren und in unterschiedlichen Touren vergangene und neuzeitliche Bergwerkskunst nacherleben. Es ist ein typischer Fall von Blindheit über die Sehenswürdigkeiten am eigenen Wohnort, hier aber besonders extrem erlebt.
Neben seinem Interesse an der politischen Entwicklung hat R.H. auch Augen für das, was in den Museen in Freiberg dem Publikum dargeboten wird.

 

 

 

 

                                       Ende der Leseprobe

 

 

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e-book   978-3-7418-7265-5

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