Klappentext zu Auf der Flucht

In Afghanistan toben seit Jahrzehnten Stammesfehden und Bürgerkrieg. Die „Gotteskrieger“ der Taliban, sunnitische Paschtunen aus dem südlichen Afghanistan kämpfen gegen schiitische Tadschiken und Usbeken aus dem Norden. Der schiitische Najmodin mit seiner jungen Familie will dem Gemetzel entkommen und macht sich auf die Flucht in den Westen, nach Deutschland. Über Kabul, Kandahar und Herat kommen sie in den Iran. Hier und in der Türkei erleben sie Hinrichtungen und Terror, dem sie doch in Afghanistan entkommen wollten. Weiter geht die Flucht über Griechenland, Mazedonien, Montenegro, Bosnien und Kroatien bis nach Slowenien, wo sie an den Stacheldrahtverhauen der Österreichischen Grenze zunächst endet. Nach wochenlangem Lagerleben finden sie dann Aufnahme in Deutschland. Auf ihren Etappen durch unbekannte Länder, mit ständigen Sprachschwierigkeiten konfrontiert, erlebt Najmodin mit seiner Frau Pari und dem 3-jährigen Sohn Taha immer wieder nette Menschen, die ihnen weiterhelfen.

Es ist eine Fluchtdokumentation mit erlebnisreichen Darstellungen von Land und Leuten in den durchreisten Ländern. 

Inhalt                                                                                                             Prolog

  Die Gotteskrieger

  Die Flucht, das letzte Mittel zum Überleben

  Fluchtgedanken

  Im Iran oder Persien

  Durch die Türkei

  Griechenland

  Mazedonien

  Montenegro, das Land der Skipetaren

  Bosnien-Herzegowina​

  Kroatien

  Slowenien

  Deutschland, wir kommen.

  Epilog

ISBN Print  978-3-748506-43-0
ebook          978-3-748506-06-5

Fluchtgedanken Seite 30-40
Stets hatten wir gehofft, durch das Eingreifen der internationalen ISAF-Truppen würde das Staatsgebiet zum Frieden finden. Das aber war offensichtlich nur ein Wunschgedanke, ein Traum, nicht nur bei uns, sondern auch beimanchemanderenunsererLandsleute. Wenn wir ein friedvolleres Dasein erleben wollen, haben wir uns zu einem radikalen Schnitt zu entschließen: das geliebte Heimatland verlassen. Das riet uns nach langen Beratungen der Clanobere. Man bot uns finanzielle Unterstützung für die Reise an, denn der Familienobere sann, dass wir in Sicherheit kommen. Man erwartete eine Rückzahlung des Reisegeldes, sobald wir im Westen angekommen wären und dort Hilfeleistung erhalten. Durch die in Kunduz stationierten deutschen Streitkräfte haben wir in etwa erfahren, wie die Lebensform im europäischen Ausland ist. Wir halten uns dagegen fast wie im Mittelalter auf, wogegen zahlreiche Länder die Neuzeit mit dem elektronischen Zeitalter genießen. Danach streben wir ebenfalls, doch wir ahnten nicht, dass alles, was man im Internet und Fernsehen sieht, nicht unbedingt dem echten Leben im Westen entspricht. Das, was wir sehen, spiegelt nicht immer die wahren Gegebenheiten wider. Die Soldaten vermitteln uns ein trügerisches Bild, dem wir aber unwissend voll vertrauen. Mit unserem kleinen Sohn, noch keine drei Jahre alt, planen wir die lange Reise ins Unbekannte. Pari, Taha und mir vermag ich das skrupellose Regime der Taliban nicht weiterhin zumuten. Deshalb haben wir uns zur Flucht entschieden. Es wird ein weiter, gefahrvoller Weg
werden,wie wir befürchten. Ich kenne nur Konflikte in meinem Heimatland. Es ist ein Staatengebilde, das wie im Mittelalter des Westens durch kleinere Bergvölker und unterschiedliche Stammesinteressen seine Prägung erhält. Leider sind wir Afghanen, doch auch andere Länder im Orient, zum Machtobjekt westlicher Staaten entstanden. Es geht wie seit Anbeginn der Menschheit um die wirtschaftliche Ausbeute. Immer und zu allen Zeiten war es so. Mal war es Dschingis Khan, dann Volksstämme aus dem heutigen Iran, welche die Städte verwüsteten. Selbst Araber sind hier eingefallen und haben unser Territorium beherrscht. Aber ständig sind die Wohn- und Pilgerstädte wieder neu aufgebaut und die Invasoren letztlich vertrieben worden. Ich verfüge nur über die Schulbildung, wie sie auf den Dörfern unseres Landes geboten wird. Rechnen bis hundert, ja, die Grundlagen der persischen Schrift gleichermaßen. Mehr Wissen habe ich mir angeeignet, seit ich ein Handy besitze. Bereits als Kleinkind hatte ich der Familie auf dem Feld zu helfen, um so zugleich das eigene Überleben zu sichern. Deshalb fehlte oft die Zeit für einen regelmäßigen Schulbesuch. Aber ich bin lernbeflissen, daher hoffe ich, mir im Ausland ein ausreichendes Auskommen erarbeiten zu können. Ich spreche ebenso das afghanische Dari, welches mit der nachbarlichen Sprache verwandt ist. Eine zielgerichtete Berufsausbildung gibt es in Afghanistan nicht, die Fertigkeiten der Bäcker, Schneider, Maurer oder anderer sind stets vom Vater auf die Söhne vermittelt worden. Ich arbeitete als Gärtner, Bauer, zeitweise ebenso als Mauermann. In den Hütten der Dörfer pflasterte ich den Boden mit aus Ton gebrannten Ziegeln. Man eignet sich diese Tätigkeiten durch Nachahmen an, dergestalt, wie es ein Familienoberhaupt vorgemacht hat. In den Madrassas, den Koranschulen, werden einzig die Suren des heiligen Buches gelehrt, und aus diesen Schulen kommen die Kämpfer der Taliban. Wenn ich keine Arbeit bekommen sollte oder der Lohn zu gering ausfällt, werden wir vom Staat unterstützt, wie es uns über Deutschland gesagt worden ist. Das ist in Afghanistan undenkbar. Ist man hier hilfsbedürftig, hilft die Familie; oft unter schwierigsten Bedingungen. Manche verhungern am Straßenrand, andere schleppen sich in abgelegene Gegenden, umdortunerkanntzusterben. Nach unseren Verhaltensregeln ist es verboten, heiratsfähigen Mädchen und verheirateten Frauen die Hand zu reichen. Nur alte Weiber darf man so begrüßen. Ein Mann, der gegen diese Regeln verstößt, hat sogar damit zu rechnen, im Extremfall ermordet zu werden. Ehemündigen Mädchen wie gleicherweise Ehefrauen ist es verboten, Blickkontakt zu männlichen Personen zu suchen. Das gilt als obszön; aus dem gleichen Grund haben die Haare mit dem Schador bedeckt zu sein. Weibliche Gestalten haben auf den Boden zu schauen, und nur zusammen mit einem Baby auf dem Arm ist es Frauen erlaubt, sich fotografieren zu lassen. In die Kamera zu blicken vermag man als Anmache zu werten. Wie wir hörten, gibt es solche Verhaltensregeln im Westen nicht, und deshalb verurteilen die Taliban die Lebensart der westlichen Welt. Diese>Gotteskrieger<legen es darauf an,in muslimischen Ländern, aber ebenso auf dem restlichen Globus, wieder mittelalterliche Zustände herzustellen. Wie absurd. Es macht doch keinen Sinn, das Rad der Geschichte zurückdrehen zu wollen! Das sehe sogar ich so. Unser heiliges Buch, der Koran, setzt sich aus einer Vielzahl von Suren, somit Abschnitten bzw. Versen, zusammen. Im Laufe der Jahrhunderte sind alte Überlieferungen umgestaltet, verändert oder verfälscht worden, und das nutzen die Taliban für ihre Zwecke aus. Dem Schriftunkundigen– etwa 80 % der Bevölkerung vermögen nicht zu lesen und Schreiben–werden falsche Wahrheiten verkündet. Der Hintergrund der Verbote, weshalb Mädchen nicht die Schule besuchen dürfen, ist: Die Gotteskrieger bangen um ihre Vormachtstellung. Werden Pari und ich uns indessen an die grundlegend andersartigen Lebensverhältnisse in Europa zu gewöhnen vermögen? Es wäre eine grundsätzlich andere Lebensart, in die wir uns zu integrieren hätten. Sind wir in der Lage, das zu schaffen? Je mehr wir darüber nachdenken, desto unwirklicher werden unsere Gedanken. In der nördlichen Region Afghanistans sind während der Gefechte gegen die Taliban deutsche Truppen stationiert worden. Dadurch hatte ich erste Kontakte zu westlicher Denkweise. Sie ist mir fremd, doch ich empfand sie nicht verabscheuungswürdig. Auch Pari hofft, sich endlich selbst verwirklichen zu dürfen. Ich werde sie dabei unterstützen und keinesfalls unterdrücken. ’Das Christentum hat ausgehend vom frühen Mittelalter ein ähnliches Glaubensverständnis verfolgt, was zur Abspaltung des Protestantismus (Protest) vom Katholizismus führte. Martin Luther erstrebte, den Durchschnitts- Mann (und die Frau) mit der wahren Botschaft der Bibel vertraut zu machen. In verständlicher Deutscher Sprache und nicht der Kanzelsprache Latein. Die Welt ist liberaler, aber dadurch lebenswerter geworden? Gefechte gibt es seit ewigen Zeiten, doch Taliban und neuerdings der IS (Islamischer Staat) versuchen ihre Auffassung des Gottesglaubens unnachsichtig mit Mord und Gewalt durchsetzen. Das wird zum Scheitern verurteilt sein, auch wenn der Kampf lange dauern mag. In der Realität sind das keine Glaubenskriege, sondern es handelt sich um wirtschaftliche MachtundEinfluss.’ Das verstehe sogar ich mit meiner unzureichenden schulischen Ausbildung. Oft habe ich mit deutschen Soldaten über derartige Fragen diskutiert. Dabei eignete ich mir gewisse Kenntnisse ihrer  und der englischen Sprache an. Die bedeutenden Städte Masar-e-Sharif, Kundus, Kabul und Herat sind ohne Unterlass umkämpft worden. Mal haben die Taliban, dann wieder ihre Gegner, die Tadschiken, zu denen ich gehöre, und Hasaras diese Provinzhauptstädte erobert und besetzt. Durch ständiges Wechseln der Fronten und der damit zusammenhängenden Kämpfe sind viele Moscheen und Heiligtümer unwiederbringlich zerstört worden. Selbstmordattentäter dringen sogar während der Gottesdienste in die Versammlungen der anderen Glaubensbrüder ein und sprengen sich in die Luft. Das kann keinesfalls im Sinne des alleinigen Gottes sein, der von allen Muslimen angebetet wird. Uralte Kulturdenkmäler des Buddhismus, die mehr als 1800 Jahre überdauert haben, sind von den Taliban aus purem Fanatismus und Unkenntnis anderer Kulturen vernichtet. Der Allah von uns Muslimen ist doch nicht dermaßen unbedeutend, dass er vor einem aus dem Felsen gehauenen Budda erschrecken wird. Wenn die Talibs dessen ungeachtet diese Bildnisse zerstören, geben sie damit kund, dass sie vor einem Felsengott Furcht empfinden. Absurd, solche Denke. Unter einem derartig abstrusen Regime mögen wir nicht weiterhin leben. Die ISAF-Truppen beschlossen in später Erkenntnis, das Land nach und nach zu verlassen. Sie hatten bemerkt, dass mit ihrer Ideologie die afghanischen Stämme nicht zu überzeugen und schon gar nicht zu besiegen sind. Wir Bürger Afghanistans sind ein Volk mit Selbstachtung, das sich nicht länger durch fremde Mächte unterdrücken lassen will. Auch nicht von tierischen Taliban. Jetzt grade wird es für viele Sympathisanten der ausländischen Soldaten gefährlich. Wir haben mit der Rache der wieder erstarkten >Dschihadisten< zu rechnen. Uns droht man Vergeltung und Mord an. Und damit sind diese sogenannten Gotteskrieger ohne Skrupel bei der Hand. Auch ich bin gottesfürchtig,aber Extremismus lehne ich ab. Begünstigt durch die weiten, landesüblichen Kaftane, unter denen sich leicht Waffen und Sprengstoffgürtel verbergen lassen, muss man auf  Selbstmord-Attentate jederzeit gefasst sein. Taliban sind hinterhältig. Kein anderer als diese Zustände sind die auslösenden Elemente für unsere Fluchtgedanken. In Kunduz sind wir und die hier anwesenden deutschen Truppen wieder vermehrt durch Angriffe bedroht worden. Meistens im Frühjahr beginnen die Rebellen ihre Offensiven, im Winter ist Kämpfen wegen der tiefen Temperaturen kaum denkbar. Niemand weiß, wer Anhänger dieser Terrorgruppen ist; jeder verdächtigt jeden. Nicht einmal seinem besten Freund darf man weiterhin trauen. Die deutschen Soldaten werden zunehmend in die Defensive gedrängt. Wesentlich aggressiver noch agiert man gegen Amerikaner, denn die sind bei weiten Teilen meiner Landsleute wegen ihres überheblichen Verhaltens verhasst. Man hörte von gewalttätigen und obszönen Übergriffen. Die Täter hat man nur zum Schein für die Misshandlungen bestraft. Das schürt Ablehnung und Wut, und die Soldaten haben sich nicht zu wundern, wenn sie aus Hinterhalten beschossen werden. Unsere Fluchtvorkehrungen treffen wir im Geheimen. Für das Handy besorgten wir uns drei Akkus, denn ob wir das überlebenswichtige Gerät unterwegs aufzuladen vermögen,ist ungewiss. Allerdings – haben die Stromspeicher für Wochen -oder gar Monate Energie? Pässe und Bargeld müssen wir am Körper verbergen, in flachen Stofftaschen. Wir hoffen, dass die bei Visitationen nicht entdeckt werden. Pari, Taha und ich wurden vom Clan dazu ermuntert, ja gedrungen, in die weite Welt zu ziehen. Ob wir jemals an einem friedlichen Ort ankommen, steht allein in Allahs Händen. Am Tag vor unserer nächtlichen Abreise feierten wir Abschied, gaben uns aber so, als bejubelten wir nur den afghanischen Tag des Sieges. Wie üblich bei Familienfesten wurden zwei Hammel geschlachtet, von denen wir einige Stücke als erste Wegzehrung mitbekommen. Es ist zwar gebraten, doch mehrere Tage wird es nicht haltbar sein. Auch Fladenbrote und Bohnen für eine Woche verstauten wir in unseren Rucksäcken. Aber wie immer, wenn man sich auf Reisen begibt, packt man stets zu viel ein. Weitaus wichtiger waren Afghani, das Geld, mit dem wir das Fortkommen finanzieren könnten. Alle Freunde gaben uns,was sie entbehren mochten, und wünschten Glück und Allahs Segen. Das Dorf Tschordare, in dem ich meine Kindheit und Jugendjahre verbrachte, verließen wir in tiefer Nacht, weit vor dem Morgengrauen, nach dem wir das erste Bittgebet des Tages gebetet hatten. Werden wir unser Land, die Freunde und Verwandten,unseren Clan,jemals wiedersehen? Die unter afghanischen Verhältnissen nahe Stadt Kundus, von Tschordare lediglich 70 Kilometer entfernt, hatte uns unser, wenn auch bescheidenes, Auskommen gesichert, solange keine Überfälle und Terror herrschten. Die Provinzstadt ist durch wiederholte Angriffe und Gegenangriffe, Willkürherrschaft und Vertreibungen durch Taliban zu erheblichen Teilen zerstört. Nachdem sie zuletzt von Hasaras und Dostums Truppen vertrieben wurden, rächten sie sich bei geheimen, nächtlichem Zuschlagen an der Zivilbevölkerung. Auch in unserer Gegend verstecken sich die Mörder. Niemand vermochte zu wissen, ob nicht ebenso unter den Festteilnehmern Sympathisanten dieser Mordlüsternen waren. Wenn wir die nächsten zwei- bis drei Tage überstehen und unbeschadet Kabul erreichen, ist uns schon mal Glück zuteilgeworden. Ebenso die Meute von Malik hat Gräueltaten an den Taliban begangen. Sie warfen gefangene Gegner in 15-20 Meter tiefe Trinkwasserbrunnen, und durch hinterhergeworfene Handgranaten zerfetzten sie Brunnen und Menschen. Das Wasser wurde dadurch vergiftet. Hier kämpfte schließlich jeder gegen jeden, der Terror wird von allen Kriegslüsternen ausgeübt, nicht nur von den Taliban. Es herrschte Blutrache, dem Gegner wurde der Hals durchschnitten,wo man ihn nur traf. Kunduz ist eine Provinzhauptstadt und liegt im Tal des gleichnamigen Flusses. Sie hat etwa 125.000 Einwohner. Die Gegend ist für afghanische Verhältnisse ungewöhnlich grün und fruchtbar. Es werden mit ausgezeichneten Erträgen Baumwolle, Reis, Weizen und als vornehmliche Spezialität Melonen angebaut, fast ausschließlich mit menschlicher Arbeitskraft; kaum ziehen Ochsengespanne den Pflug. 
Auf diesen Feldern war auch ich als Tagelöhner beschäftigt. Im September 2015 zogen erneut Talibankämpfer in die Stadt ein. Mit Siegesgeheul und nicht nur in die Luft abgegebenen Gewehr- und Maschinengewehrschüssen feierten sie die neuerliche Besetzung. Innerhalb kürzester Zeit führten die >Gotteskrieger< eine Schreckensherrschaft durch Todesschwadronen mit Morden und Vergewaltigungen an der Zivilgesellschaft ein. Deshalb treiben wir unseren lange geplanten Entschluss endgültig voran: Wir fliehen aus der Heimat. Wir gaben uns als völlig normale Reisende aus, die mit einem der total überladenen Toyotas zur Hauptstadt Kabul unterwegs sind. Sobald ein kleines Kind dabei ist, hat sogar die Mutter gewisse Vorteile, als Frau, die in der absolut dominanten Männergesellschaft doch sonst nur geringe Beachtung und Anerkennung findet. Mithilfe von erfahrenen Tadschiken haben wir unsere Fluchtroute akribisch geplant, und zwar so, dass wir uns von den Kampfgebieten in Afghanistan fernhalten. Dazu haben wir indes einen weit längeren Weg einzuplanen, genauer gesagt,einen großen Bogen zuschlagen. Das bedeutet, zunächst tief in den Süden zu reisen, um dann ab Kandahar westlich in Richtung Lashkar zu schwenken. Von dort werden wir, wenn alles günstig verläuft, in nordwestlicher Linie Herat zu erreichen suchen. Dabei kommen wir direkt durch das Gebiet der Paschtunen mit ihrer Hochburg Kandahar. Das ist ebenfalls eine Pilgerstadt, genau wie Masar-e-sharif und Herat. Aber uns bleibt keine andere Wahl, wenn wir uns nicht durch ausgesprochene Kampfgebiete mit all ihren Risiken absetzen wollen. Nachdem wir das erste vorgeschriebene Gebet des Tages gesprochen hatten, brachte uns das Auto eines vertrauensvollen Familienangehörigen auf einer Umgehungsstraße an Kundus vorbei in südliche Richtung bis Aliabad. Da erreichen wir die Hauptstraße AH 7, die uns nach der 260 km entfernten Hauptstadt Kabul führt. Hier wechselten wir am frühen Vormittag zum ersten Male das Auto. Sämtliche Städte und Dörfer, die wir ab jetzt berühren werden, sind für uns unbekannte Welten. Wie wird das sein, wenn wir im Ausland, zuerst im Iran, ankommen? Aber bis dahin ist es ein weiter Weg; erst mal haben wir den Bogen um Kandahar zu schlagen, und wir sind noch nicht mal in Kabul angekommen. 260 km auf offenem Toyota, der völlig überladen mit Menschen und Gepäck ist. Aber so reist man hier. Der Fahrzeugbesitzer presst so viele Mitfahrer in sein Auto, bis es aus allen Nähten platzt. Nie sieht man hier ein Fahrzeug, das unbeladen ist. Dann fährt der Besitzer einfach nicht los, selbst wenn er einen Fahrpreis erhält, der einem vollbesetzten Fahrzeug entspricht. Wer es nicht gesehen hat, welche Menge von Leuten in einem solchen Gefährt Platz finden, glaubt es nicht. In die Fahrerkabine quetschen sich drei bevorzugte Personen, auf der Ladefläche bis zu zehn, je nachdem, was für umfangreiches Gepäck mit muss. Auf dem Dach krallen sich nochmals 8-10 Mitfahrer an der Reling fest. Der Autobesitzer will auf einer Tour logischerweise Kasse machen, eine etwaige Panne wie Achsen- oder Federbruch nimmt er dabei in Kauf. Reparaturen werden überaus kurzfristig, oft in Ermangelung Originalersatzteile mit Erfindungsgeist und preisgünstig erledigt. Bei wiederholtem Wechsel des Fahrzeugs kamen wir weit nach Einbruch der Dunkelheit in der Hauptstadt Kabul an. Immer wieder stiegen Fahrgäste zu, andere verließen uns.
Der Fahrer stoppte auch, wenn die Zeit für die mehrmaligen muslimischen Gebete gekommen ist. Uns reizte nichts an der riesigen Stadt, die für uns ein unüberschaubarer Gigant mit seinen nahezu 4 Millionen Einwohnern ist. Wir suchten eine billige oder kostenlose Unterkunft, die wir aber nicht fanden, um uns am nächsten Morgen umgehend wieder auf den weiteren Weg zu begeben, Richtung Kandahar. In Kabul waren wir erneut gezwungen, uns eine andere Fahrgelegenheit zu suchen. Die zwei Eisenbahnstrecken für den Güterverkehr nützen uns überhaupt nichts. Weil wir keine Unterkunft fanden, saßen wir schlaflos auf einer Bank im Babur-Garten. Gegen morgen wurde es empfindlich kalt. Da wärmten wir uns in speziellen, schafwollgestrickten Dreiecksdecken, die wir neben einem zweiten Paar Schuhe, einigen Fleischstücken von für uns geschlachteten Schafen und Getränken in unseren Rucksäcken verstaut hatten. Weit vor Sonnenaufgang begaben wir uns zum Grabmal des Zahir ad-Din Muhammad, inmitten eines Parks gelegen. Dieser Zahir, von seinen Anhängern Babur, der Tiger, genannt, verehrt man bis heute als den Gründer Afghanistans. Das sind die wesentlichen Eindrücke, die sich uns von der Hauptstadt eingeprägt haben. Wir sind das Erste und wohl auch das einzige Mal hier. Es gibt in Kabul einen O-Busverkehr, von Russen während ihrer Besatzungszeit aufgebaut. Vor dem Krieg war ebenfalls eine Metro geplant, die aber derzeit nicht gebaut werden kann. Neben Buzkashi, einer Art Polo aus der Zeit Alexanders des Großen ohne feste Spielregeln, wird Fußball leidenschaftlich gespielt. Dafür sind ausgezeichnete Stadien gebaut worden, die jetzt von den Taliban zu öffentlichen Hinrichtungsstätten missbraucht werden. 

Ende der Vorschau

Kapitel die Gotteskrieger  Seite 8 bis 22 von 254

                        I

Als diese Mudschaheddin sich jedoch gegenüber dem eigenen Volk korrupt und verbrecherisch verwandelten, kamen die Paschtunen aus dem Süden auf die Karte. Sie zogen gegen ihre Landsleute, die Tadschiken, meist Persisch sprechende und im Nord-Westen Afghanistans lebende Bevölkerungsgruppen, in den Kampf.

Den Paschtunen schloss sich dann auch Osama an. Er wurde gefördert und unterstützt von Mullah Omar. Der stammt ebenfalls aus dem Frauen unterdrückenden südlichen Afghanistan. Die Bildung bezog er schlicht und einfach aus den Koranschulen, den Madrassa. Mullah Omar soll nur unzulänglich Lesen und Schreiben beherrscht haben. Auf dem Höhepunkt seiner Macht wurde er ebenso wie Osama-bin-Laden von Amerikanern durch Drohnenangriffe getötet.

Die Taliban eroberten nach der Vertreibung der sowjetischen Truppen, welche 1979 in Afghanistan eingefallen waren, bis zu 90 % des afghanischen Staatsgebietes. Sie radikalisierten sich aber in der Folge durch ihre Auslegung des Korans genauso wie zuvor die Mudschaheddin, indem sie die Scharia wieder einführten.

Besonders Frauen werden massive Behinderungen auferlegt. Scharia bezeichnet das moslemische Recht in seiner Gesamtheit und ist von jedem Moslem kritiklos zu befolgen.

Als unfehlbare Pflichtenlehre umfasst die Scharia das gesamte religiöse, politische, soziale, häusliche und individuelle Leben sowohl der Muslime als auch die Lebensführung der im islamischen Staat geduldeten Andersgläubigen (Dhimma). Deren öffentlicher Lebenswandel darf dem Glauben und den Muslimen in keiner Weise hinderlich sein.

Die Einheit zwischen Religion und Recht bringt in einem theokratischen Staatswesen auch die Einheit zwischen Religion und Staat mit sich. Sie macht sich in den arabisch-islamischen Gemeinwesen der Gegenwart (deren Staatsreligion der Islam ist) unterschiedlich bemerkbar.

Nur an einer einzigen Stelle im Koran wird die Scharia erwähnt, obwohl sie dort ihren Ursprung hat. (Sure 45, Vers 17)

Unsinnige, menschenverachtende Vorschriften wurden nach der Machtergreifung der Taliban erlassen: >Frauen sollten ihre Wohnungen nicht mehr verlassen dürfen. Wenn sich das doch nicht vermeiden lässt, müssen sie sich mit dem islamischen Tschador oder der voll verschleiernden Burka bedecken und von Blutsverwandten begleiten lassen. Für den Fall, dass sie sich modisch bekleidet, schmuck-behangen und in engen Kleidern zeigen, werden sie von der Scharia verflucht und aus dem Himmel verbannt. Die Familienältesten sind aufgefordert, unnachsichtige Kontrolle über ihre Familie auszuüben. Die Ältesten wie auch die Frauen können von der Religionspartei bedroht und auf das Härteste bestraft werden<.

Die Partei steht in der Verantwortung, dem westlich geprägten Bösen ein Ende zu setzen. Andersartige Arbeitsregeln sind besonders für Krankenhäuser erlassen worden, welche die dort (noch) beschäftigten Kranken Pflegerinnen, aber selbst Männer, strikt zu beachten haben:

>Ein Wartezimmer für Frauen soll sicher und verborgen sein, und eine Person, selbige die Patientinnen aufruft, muss weiblichen Geschlechts sein.<

>Behandelnde Mediziner dürfen Körperstellen, die nicht behandelt werden, weder ansehen noch berühren. Wenn Ärzte und Ärztinnen sich ausnahmsweise klinisch besprechen, hat sie die Verpflichtung, den Schleier zu tragen<.

>Es ist weiblichen Ärzten und Pflegepersonal keinesfalls erlaubt, den Krankensaal von Männern zu betreten. Gibt es nicht genügend männliche Pfleger, müssten die Kranken sich gegenseitig helfen.<

Sind weibliche Lebewesen der Herkunft nach keine vollwertigen Menschen? Was wäre denn, wenn wir sie nicht hätten?

Im alltäglichen Tagesablauf sind widersinnige, unzeitgemäße Dekrete erlassen worden:

>Ein Autofahrer darf eine Frau nicht mitfahren lassen, falls sie eine iranische (modischere Burka) trägt, Musik ist ebenso wie Tanz auf Hochzeiten verboten. Werden diese Anordnungen nicht befolgt, wird das Familienoberhaupt verhaftet. Taubenhaltung, das Spielen mit Vögeln, Drachen steigenlassen und Musizieren auf einer Musiktrommel ist strengstens untersagt<.

Doch ausgerechnet diese Vergnügen, seit Jahrhunderten von den Afghanen praktiziert, sind außerordentlich beliebt.

Ebenso wird das Nähen von Frauenkleidern und das Maßnehmen durch Schneider verboten. Wenn Frauen oder Modemagazine in einem Laden bemerkt werden, wird der Kleidermacher ins Gefängnis gesteckt. (Wörtliche Ausdrucksweise).

>Gruppenbeten oder Nichtbeten in Basars ist gegen Allahs Gebot. Gebete sollen in den Moscheen ablaufen, das Besuchen von Geschäften zu Zeiten der Anrufung Gottes ist untersagt und wird mit Gefängnis bestraft. Verkehr während der Gebetszeit ist absolut verboten. Wer sich nicht an die Untersagung hält, wird ebenfalls ins Verlies gesteckt<.

Wo hatte sich denn der Spanner versteckt?

Weitere Edikte wurden von den Taliban erlassen, in denen die exakte Überlänge der Bärte festgelegt wird. Eine Liste muslimischer Namen ist erstellt, wonach Neugeborene benannt werden müssen. Die wenigen Mädchenschulen Kabuls sind verriegelt, die Religionspolizei verjagt alle Frauenspersonen von den Straßen. Sie verfügt, dass jeder Haushalt seine Fenster zu verhängen hat, damit man von außen weibliche Wesen nicht sehen kann.

Ehefrauen waren nunmehr gezwungen, Tag und Nacht im Haus zu verbringen, in das kein Sonnenlicht mehr eindringt. Das Gravierendste an den brandneuen Ge- und -verboten ist jedoch das Zurückfallen in mittelalterliche Zeiten.

Dieben werden Gliedmaßen abgehackt, der Räuber und seine abgetrennte Hand -oder ein Fuß- öffentlich zur Schau gestellt.

Das hat das Christentum überwunden. Am Pranger wird niemand mehr vorgeführt.

Echte wie auch nur vermutete Ehebrecher/innen haben die Steinigung zu ertragen. Sie haben sich vorab ihr eigenes Grab zu schaufeln, und als Gnade gilt, wenn ein Familienangehöriger die Grube ausheben darf. Das Urteil wird zuvor von einem Schariarichter, dem Kadi, verkündet. Beruht die Verurteilung auf Zeugenaussagen, werfen die Zeugen den ersten Stein, sonst ist das dem islamischen Richter, der immer ein Imam ist, vorbehalten.

Die verurteilte Frau wird daraufhin bis zur Brust eingegraben, ein  Todgeweihter bis zur Gürtellinie. Vorher werden sie fest in schlohweiße Tücher eingewickelt, um eine Flucht zu verhindern. Weiß ist die Farbe der Trauer. Es wird also getrauert, obwohl eine unmenschliche Hinrichtung vollzogen wird.

Meistens Frauen, manchmal jedoch auch Männer, werden solange mit Steinen von einer Größe, welche in die Handinnenflächen passen, beworfen, bis sie zusammenbrechen. Kleine Kiesel sind nicht erlaubt.

Zur Ergötzung der Zuschauer wird angeordnet, dass der Todeskampf möglichst lange dauert; zuvor wird dem Verurteilten oft zusätzlich eine Geißelung auferlegt.

Die Auspeitschung eines Mannes wird im Stehen nach Entkleidung bis auf die Schamteile vollzogen. Die Peitschenhiebe sollen den gesamten Körper außer Kopf, Gesicht und Geschlechtsteile treffen. Ein weibliches Wesen wird im Sitzen und bekleidet gepeitscht. Erst danach kommt es in die Grube.

An der Hadd genannten Urteilsvollstreckung beteiligen sich alle Dorfbewohner, Kinder sind davon nicht ausgenommen. Von der sich im Rausch des Tötens befindlichen Menge wird ständig Allahu-akbar gerufen, damit die Schmerzensschreie der Opfer übertönen werden. Sofern die Delinquenten nicht vorher tödlich getroffen sind, wird solange weitergeworfen, bis sich ein Steinhügel über sie gebildet hat. Quasi  lebendig begraben ist ihr trauriges Schicksal.

Vergewaltigte Frauen, deren Mann abwesend war, werden oft mit der Unterstellung einer Einvernehmlichkeit hingerichtet. Ein Einspruchsrecht der Beschuldigten findet im Regelfall keine Beachtung.

Was sind das für Menschen, die solche Edikte beschließen und vollführen. Wie vermag eine Religionsvorschrift, vorgeblich im Koran niedergeschrieben und mit Willen des gütigen Allah versehen, derartige unmenschliche Praktiken zulassen.

Die Taliban sind selbstgefällig; die angeblichen Gebote des einzigen und barmherzigen Schöpfers erfüllen sie so rigoros, dass sie sich regelmäßig in einen Blutrausch hinein steigern.

Es gibt einen >Steinigungsvers<, der aber nicht im heiligen Buch des Islam geschrieben steht:

>Wenn ein bejahrter Mann und eine bejahrte Frau Unzucht treiben, so steinigt sie auf jeden Fall als Strafe Gottes. Denn Gott ist gütig und weise.<

Auf diese Art kann in der heutigen, aufgeklärten Zeit doch kein Staat errichtet und darauf gesetzt werden, in der Staatengemeinschaft legitimiert und anerkannt zu sein.

Es ist das Bestreben solcher irregeleiteten Paschtunen, mehrheitlich unter den Taliban organisiert, von westlichen Nationen akzeptiert zu sein. Im gleichen Atemzug bekämpfen hirnrissige Rebellen fortschrittliche Staatswesen massiv als Ungläubige.

Im Frühjahr 1997 erwarteten die Einwohner von Mazar-e-Sharif einen erneuten Angriff der sogenannten >Gotteskrieger<.

Die Stadt im Nord-Westen Afghanistans wurde den Winter über von hasserfüllten sunnitischen Fanatikern belagert. Es war die letzte Bastion der Nordallianz, mehrheitlich Schiiten, unter General Rasim Dostum. Die Vorräte an Lebensmitteln und Treibstoff gingen zur Neige, die Preise dafür stiegen um das Vielfache. Es kam zur Unruhe innerhalb der Bevölkerung. Besser betuchte Einwohner flüchteten bereits nach Tadschikistan.

Das erklärte Ziel der Taliban war, die Stadt auszuhungern, und es brach auch längst Panik unter den Stadtbewohnern aus. Dostum ist ein erfahrener, jedoch rücksichtsloser und blutrünstiger Heerführer. Er schwor Soldaten und Einwohnerschaft auf die Verteidigung Mazar-e-Sharifs ein.

Auf Verrat und Gegenverrat war andererseits niemand gefasst. Die Kriegsknechte dienen im Allgemeinen immer dem, der den besten Sold zahlt. General Dostum hatte seinen Truppen dessen ungeachtet bereits fünf Monate überhaupt keine Löhnung ausgehändigt. Daher liefen viele der Stadtverteidiger zu den Taliban über.

Die löhnten zwar auch nicht mehr, aber sie erlaubten den Kämpfern, sich bei Einnahme der Stadt durch Plünderung und Morde zu bereichern. Die Belagerer beabsichtigten, für vorausgegangene Niederlagen Rache zu nehmen.

Mazar ist eine Pilgerstadt, vornehmlich der Schiiten. Man vermutet, dass in der blau gekachelten Grabstätte der 4. Kalif begraben liegt. Daher ist sie eines der Heiligtümer dieser islamischen Glaubensrichtung. Paschtunen, insbesondere sunnitische Taliban, gedachten Mazar nicht zuletzt zu erobern, um dann die Kultstätten zu zerstören.

Innerhalb der Nordallianz besteht allerdings eine tiefe Fehde zwischen Dostum und seinem 2. Befehlshaber Malik Pahlawan. Der Usbeken-General wurde verdächtigt, vor einigen Jahren einen Bruder des Stellvertreters ermordet zu haben. Malik befürchtete daher, von Dostum ebenfalls hingemetzelt zu werden und verriet ihn deshalb an die von Herat und Kundus aus vorrückenden Taliban. Als Gegenleistung rechnete er mit einem Generalsposten bei den Eroberern. Man bot ihm aber nichts als die völlig unbedeutende Position eines Vize - Außenministers an.

Durch den Verrat und den täglich offenkundigeren Zwist zwischen Paschtunen und Usbeken verlor Dostum seinen Halt in der Truppe und musste selber fliehen. Jetzt hatten die angreifenden Taliban freie Bahn und zogen auf ihren Pikups in Mazar ein.

Usbeken und Hasaras hat man entwaffnet, die heiligen Moscheen entweiht sowie die Scharia, das muslimische Glaubensgesetz, eingeführt. Frauen vertrieb man von den Straßen, sämtliche Schulen wurden verriegelt oder zerstört.

Als jedoch eine Gruppe der Hasaras sich weigerte, ihre Waffen abzugeben, kam es zu einem Aufstand. Der führte dazu, dass über 600 Angehörige der Taliban bei den ausbrechenden Straßenkämpfen getötet sowie 1000 Kämpfer, darunter ranghohe Mullahs und Generäle, während der Kampfhandlungen gefangen gesetzt worden sind.

Gleichzeitig plünderten die Truppen des Verräters Malik die Stadt. Es ergab sich ein unvorstellbares Durcheinander in Mazar-e-Sharif. Die Taliban erlitten ihre bisher größte Niederlage im Ringen um die Herrschaft in diesem Land.

In den Nächten aber kamen die Unterlegenen zurück und rächten sich an den Einwohnern. Manchem hat man die Kehle durchschnitten, und anderen zog man bei lebendigen Leib die Haut ab.

Der Leser vermag sicher kein Verständnis dafür aufbringen, wie bestialisch vorgegangen worden ist. Das alles liest sich wie ein Thriller, ist jedoch authentisch belegt.

Während die Talibantruppen unter Druck stehen und sich zurückziehen, zerstörten sie Kanäle und vergifteten Trinkwasserbrunnen. Durch die Kämpfe gegen Dostum und Malik verloren sie viele ihrer Mudschahed. Später stellte sich heraus, dass auch Taliban massakriert und in Massengräbern verscharrt worden sind. Der Hass auf allen Seiten war beispiellos.

Taliban beherrschten nahezu 10 Jahre diktatorisch das Land. Durch ihre eigensinnige Koranauslegung riefen sie mit dem Terroranschlag auf das World- Trade- Center in New York 2001 die Kriegsmacht USA zum Handeln auf. Auch die NATO und damit Deutschland gedachten Afghanistan nach westlicher Auffassung zu befrieden. Die Westmächte vermuteten in dem aus den Fugen geratenen Land Ausbildungszentren der Al Quaida.

Osama-bin-Laden mit seinem unermesslichen Reichtum hat diese Lager errichten lassen, um darin unwissende und leichtgläubige Muslime zum Kampf gegen den >gottlosen< Westen heranzuziehen.

Osama war neben Mullah Omar der meist gehasste und gesuchteste Terroranführer. Doch was hat ihnen ihr Hass eingebracht? Man hat sie verfolgt und getötet. Unter der Obhut von Pakistanis lebten die Terrorristen im nordwestlichen Pakistan, im Swat-Tal.

 Sitzen sie nunmehr im Himmel und vergnügen sich mit Hauris, wie sie immer verkündet haben, oder schmoren sie in der Hölle, beim Schaitan?

Nach jahrelangen, blutigen, auch auf Seiten der NATO verlustreichen Kämpfen, wurden in die Milliarden Dollar gehende Ressourcen vernichtet.

Hier war auch Malala zu Hause, das mutige Mädchen, das trotz Verbot weiterhin eine Mädchenschule besuchte. Ihr wurde deshalb von einem Taliban am helllichten Tag, als sie von der Schule kam, in den Kopf geschossen, überlebte jedoch auf wundersame Weise. Über ihre Erlebnisse schrieb sie ein berührendes Buch >Malala, meine Geschichte<. Sie war erst 10 Jahre, als sie sich gegen die beherrschende Allmacht der Männer in ihrem Land auflehnte.

Am 12. Juli 2013, ihrem 16. Geburtstag, hielt diese Jugendliche eine eindrucksvolle Rede vor den Vereinten Nationen in New York. Ihr Eintreten für die Rechte von weiblichen Staatsangehörigen beeindruckte derart, dass sie den Friedensnobelpreis 2014 im Alter von 16 Jahren erhielt.

Das Buch ist erhältlich unter ISBN 978-3-596-85660-2. Es ist besonders empfehlenswert.

Aber trotz des Todes der gehassten Anführer endeten die kriegerischen Auseinandersetzungen keinesfalls, eskalierten sogar noch ungeachtet der Kenntnis der übermächtigen technischen Überlegenheit der ISAF-Länder. Insbesondere USA, Frankreich  und die BRD sind massive Waffenlieferanten. Jahrelange, erbittert geführte Bekämpfungen führten letztlich dazu, dass man auf Seiten der Westmächte jetzt endlich offen von>Krieg< spricht. Von einer Befriedung in Afghanistan ist man weit entfernt.

 Es ist nahezu das Eingeständnis eines erzwungenen Rückzuges, wenn davon gesprochen wird, dass nur noch Berater im Land erforderlich und anwesend seien. Die Gesamtlage war ähnlich dem Desaster, wie es vor mehr als zwanzig Jahren auch die UDSSR erlebte.

Wenn die Politik im Angesicht der Flüchtlingswellen aus Afghanistan von einer Rückführung in ein sicheres Herkunftsland spricht, ist das zynisch. Es soll verschleiern, dass das militärische Abenteuer nahezu völlig gescheitert ist. Kriegsbegründungen, bezogen auf den Bau von Ölpipelines und die Vernichtung von Mohnanbauflächen, sind bisher und in absehbarer Zeit nicht zu realisieren.

Dabei wäre Afghanistan prädestiniert, als Transitland zu dienen. Heute nicht für Seide und Porzellan aus China, sondern für Öl und Gas aus den unendlich reichen Vorkommen in Kasachstan und Tadschikistan.

Diese zentralasiatischen Länder verfügen zusammen über geschätzte 85 Milliarden Barrel Ölreserven. Turkmenistan mit 66 Mrd. Kubikmetern Gas hat die elftgrössten Reserven der Welt. Es ist eine Weltregion mit äußerst bedeutungsvollen Energiereserven, und darüber streiten die Weltmächte und führen verlustreiche bewaffnete Auseinandersetzungen.

Die Bewohner nicht nur Afghanistans haben für die Wirtschaftsinteressen der Großmächte USA, Russland und mit Abstrichen gleichfalls China ihre Köpfe hinzuhalten. Sogenannte >Stellvertreterkriege< finden auch hier statt, wie bereits seit sieben Jahren in Syrien. Hier ist es der IS, welcher die friedliche Bevölkerung in seinem Sinne zu unterjochen gedenkt.

Der Islam und die Befolgung der Gebote Gottes sind nur vorgeschobene Gründe für die Auseinandersetzungen. Es wiederholen sich mit anderen Mitteln die Exzesse der Kreuzzüge von Christen im Mittelalter. Weshalb müssen sich diese Untaten in der heutigen Zeit wieder erneut abspielen?

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