Die Kapitel:

Emirates 7

Pakistan 34

Der Alltag in Pakistan 74

Hinter Gittern 332    

Die Organmafia 344

Im Himalaja 349

Thatta Ghulamka Dhiroka 457

                                                                    Emirates 

Das Flugkreuz Dubai wird von vielen Airlines angesteuert. Meist wird hier Zwischenstation eingelegt auf den Flügen nach Fernost oder das östliche Afrika. Die in den letzten Jahren durch den ständig anschwellenden Touristenstrom explosionsartig gewachsene Stadt ist eine am Tage gleißende, in der Nacht glitzernde Metropole. Der Blick vom weltweit höchsten Gebäude, dem Burj Kalifa mit 828 Metern Höhe, dessen oberste Besucherplattform in 554 Höhenmetern im 152. bis 154. Stockwerk liegt, ist mit Worten nicht zu beschreiben. Der Reisende muss es erlebt haben. Es ist ein Event der Superlative zu meist exorbitanten Preisen.

Viktor ist einer von Zig-Tausenden Flugpassage, welche den Airport am persischen Golf Jahr für Jahr ansteuern. Er kommt aus Deutschland, und man sagt ihm nach, dass er auch für einen Türken durchgehen könne. Eine eher kleine, aber sportliche Figur, schwarzhaarig, glattrasiert. Da unterscheidet er sich von manchem dieser Osmanen. Er kleidet sich auch ausgesprochen sportiv, Krawatte oder gar eine Fliege am Hals sind ihm zuwider. Er ist Handwerksmeister und in der Funktion auch für eine deutsche Hilfsorganisation nach Pakistan unterwegs. Er soll dort in einem Dorf im Fünf-Stromland, dem sogenannten Punjab, Frauen und Mädchen in der Anfertigung von landestypischen Puppenschuhen anleiten. 
Viktor ist kein Geschäftsreisender, wie mancher der Flugpassagiere, welche nach Dubai strömen. Nicht wenige solcher Glücksritter lockt der Reichtum der Emirate, lukrative Deals einzufädeln. Die große Masse jedoch sind Touristen, Globetrotter, um in dieser vor nicht allzu langen Zeit aus einem winzigen Fischerdorf entstandenen Stadt arabische Abenteuer zu erleben. Oder sich einfach nur in dem hier dargebotenen Reichtum zu sonnen. Im riesigen Basar findet der Reisende jede Art von Luxusgütern.
Für Viktor ist die Metropole nur Zwischenstation, ein Stopover für wenige Tage. Hier trifft sich Okzident mit Orient, Christen mit Moslems, Hindus mit Ungläubigen, Arm und Reich. Glaubenskämpfe wie in angrenzenden Ländern scheint es nicht zu geben, sinnlose Zerstörungen würden dem Image der Emirate zuwiderlaufen. Ein hochgerüsteter Sicherheitsapparat soll das verhindern. 
Das eigentliche Reiseziel Viktors liegt auf der anderen Seite des Golfs, in Pakistan. Das Fünf-Strom-Land, Punjab in der Landessprache, ein Distrikt, der das Land mit ernährt. Thatta Ghulamka Dhiroka nennt sich das Dorf, wo Viktor als Entwicklungshelfer erwartet wird.
Er ist kein Diplomat, dem ein roter Teppich ausgerollt wird. Hilfe geben zur Selbsthilfe ist seine Aufgabe. Eine weltweit aktive deutsche Hilfsorganisation entsendet ihn in ein Land, wo nicht wie in diesem Emirat Milch und Honig fließen. Ein Land, dessen Bevölkerung zu großen Teilen in Armut lebt. Lahore im Norden des Landes ist der Zielflughafen. 
Nie wäre Viktor der Gedanke gekommen, in kriminelle Handlungen verwickelt zu werden. In anderen Staaten, wo er bereits zu helfen versuchte, ist ihm gegenüber nie etwas Gefährliches begegnet. Dass Dubai nicht nur ein Drehkreuz für den weltweiten Tourismus, sondern ebenso für Drogen- und Organhandel ist, war ihm unbekannt.
In einer Wüstenstadt, wo Grund- und Boden mit Gold aufgewogen wird, wurde Viktor vom feudalen Leben der Vereinigten Arabischen Emirate fast erschlagen. Den krassen Unterschied der Vermögensverhältnisse der Länder dieser Welt kann er nicht ändern. Nur versuchen, ein wenig die Lebensbedingungen benachteiligter Bevölkerungsgruppen zu verbessern, ist seine Aufgabe. Er wird in Regionen der Welt entsandt, wo das Überleben von einer Handvoll Reis und etwas oft unreinem Wasser abhängt. Wird der Hunger jedoch unerträglich, versucht die Bevölkerung, Europa zu erreichen oder bei einer Terrororganisation mitzumischen.
Viktor ist ein friedliebender Zeitgenosse. Einzig darauf bedacht, Bewohnern armer Weltgegenden durch Wissensvermittlung zu einem weniger von Hunger und Krankheiten geprägten Leben zu verhelfen. Bisher verliefen seine Reisen stets friedlich. Dass er in Pakistan mit Morden und Organhandel konfrontiert werden wird, hätte er um alles auf der Welt nicht für möglich gehalten.

Drei Tage in Dubai. Eine viel zu kurze Zeit, um sich in die Verhältnisse und Gedankenwelt der ehemaligen Nomaden der Wüste Rub al-Chali hinein versetzen zu können. Doch eine Erlebniswelt allemal. Manche der Beduinen haben ihre "Wüstenschiffe" mittlerweile mit luxuriösen, klimageregelten Nobelkarossen getauscht. Kamele sind für viele nur noch Nostalgie. Das Arabische Meer liegt eingebettet zwischen Reichtum und Armut.

Der Flughafen von Dubai ist einer mit dem Prädikat Superlative. Zentral in der Glitzerstadt gelegen, kaum fünfzehn Minuten Autofahrt vom Zentrum entfernt. In der Nähe fließt der Dubai-Creek, die frühere Lebensader der Stadt. Heute ist er das Wohlstandsgewässer dieser aus einem Fischerdorf hervorgegangenen Metropole. Wolkenkratzerhohe Hotelpaläste scheinen den Fluggast zuerschlagen. Das höchste der Hotelgebäude ist das Burj al Arab mit 321 schwindelerregenden Metern. Zahllose Bürogebäude ragen noch weit höher in den meist wolkenlosen, azurblauen Himmel. Viktor musste sich nicht selbst um das Taxitransit bemühen. Eine Hotelangestellte begrüßte ihn auf dem Terminal. 
Auf der kurzen Fahrt zum Golden Sand wurden glasverkleidete Bürofassaden passiert, von denen gleißendes Sonnenlicht in tiefe Straßenschluchten gespiegelt wird, wo sich die aufgeheizte Luft drückend staut. Doch hinter den Fensterfronten vermutet Viktor angenehme Kühle, durch die technische Ausstattung der Prachtbauten erzeugt.           Ölmilliarden ermöglichen den Luxus, der es auch erlaubt, Gastarbeiter aus Ländern wie Bangladesch oder dem schwarzen Afrika, oft zu unwürdigen Bedingungen, zu beschäftigen. Ein Golfstaatler macht sich kaum mehr die Hände schmutzig, der verwaltet lieber seine Petrodollars. Und beschäftigt sich mit Handel, der sich nicht immer an den geltenden Gesetzen orientiert. Aber im Verborgenen. Davon haben nur Insider ein vages Wissen.

Viktors Domizil für drei Tage ist eines der zwanzig Golden-Sands-Hotels, zu dem er von der Angestellten begleitet wird. Der Lift brachte ihn innerhalb 18 Sekunden in ein orientalisch ausgestattetes Zimmer im achtzehnten Stock. Er hat eine durch nichts getrübte Aussicht auf das unter ihm liegende Leben und einen kleinen Teil der Stadt. Wie Ameisen nimmt er den Autoverkehr wahr, als er einen schwindelerregenden Blick in die Tiefe wirft. Dann lässt er sich in die mit feinstem Ziegenleder bezogenen Sitzmöbel fallen und genießt die Ruhe, denn der Straßenlärm erreicht ihn hier oben nicht.            Seine Augenlider klappen zu und lassen ihn nach der anstrengenden Reise in einen sanften Schlummer gleiten. Ein diskretes Klopfen an der Tür lässt ihn dann hochschrecken. Es war nur der Zimmerservice, eine hübsche Hotelangestellte, die sich erkundigte, ob der Raum zu voller Zufriedenheit ausgefallen ist. »Oh yea, it is very nice, thanks you.« Viktor merkte, dass jeder dienstbare Geist ein Trinkgeld erwartete.
Wäre diese Fee nicht aufgetaucht, hätte das Nickerchen ihm womöglich das Dinner vermasselt. Jetzt aber flott. Mit einem ausgiebigen Duschbad wäscht er sich den Reisestaub aus den Poren und erscheint dann frisch gestylt in einem vornehm ausgestatteten Restaurant zum Souper.
Wenn die Fluggäste der Emiratesairline auch eine ansprechende Verköstigung erhielten; mit einem Menü, wie es dieser Gourmettempel bietet, war es nicht zu vergleichen. Im Flugzeug kam das Essen auf Plastiktellern, die Getränke in Wegwerfbechern. Im Hotel wird auf goldgeränderten Tellern serviert. Einen Piccolo verschmähte er, hielt sich lieber an Wasser. Die Gebote für Muslime, Alkohol zu meiden, findet Viktor durchaus angebracht. Dafür rundete ein Glas marokkanischer Tee sein vorzügliches Abendessen ab. Nur, dass er als Einzelreisender keinen Tischnachbarn hatte, mit dem er sich unterhalten konnte, störte ihn. Doch in der abendlich aufflammenden Stadt würde er wohl Gelegenheit zu Small Talk finden.
Gut gelaunt und gesättigt betrat Viktor bei einbrechender Dunkelheit, auf diesem Breitengrad bereits gegen 18:35, die Straße. Leuchtreklamen blendeten, und Menschenfluten schienen ihn unterspülen zu wollen. Noch hatte er es nicht bemerkt, dass ihm ein dämlicher Fehler unterlief; er vergaß, die Checkinn-Karte einzustecken. Das hatte die fatale Folge, dass er später sein Hotel nicht wiederfand. Er erinnerte sich zwar, dass es ein Golden-Sand ist, doch welches der zwanzig desselben Namens es denn war, hatte er sich nicht gemerkt. Am liebsten hätte er sich selber in den Hintern getreten.
So irrte er gleich am ersten Abend durch das quirlige Hotel- und Discoviertel Dubais. Doch unter freiem Himmel wie ein Clochard musste er nicht schlafen. Lokalitäten, die ihm die Zeit vertrieben, gab es genügend. 
Die Nacht war schon weit fortgeschritten, als ihm eine Bardame aus dem Golden City, wo er einige Drinks genommen hatte, den zutreffenden Hinweis zu seinem Hotel gab. Ob die sich auch eine Aufbesserung ihres nächtlichen Verdienstes erhoffte? Es sollte ihm eine Lehre sein. Viktor, deine Schusseligkeit kann dir Ärger bringen! Auf eine weitergehende Betreuung durch Ceyda hat er aber verzichtet.

Dubai bietet alle Voraussetzungen, ein perfektes Erlebnis nicht nur für Viktor zu sein. Der orientalische Reichtum imponierte ihm, ist allerdings der pure Kontrast zu den unterentwickelten Ländern Afrikas und Asiens. Und dazu zählt auch Pakistan. Nur die unermesslichen Ölfunde, die erst 1966 entdeckt wurden, haben diesen Boom ermöglicht. Doch es wird bereits vorgesorgt für die Zeit, wenn das flüssige Gold versiegt sein wird. Schon jetzt wird Touristen jeder Luxus geboten, um an ihre Devisen zu kommen. 
Natürlich hat Viktor sich vor der Reise umfassend informiert. Dass Dubai eines von sieben Emiraten ist, mit der Hauptstadt Abu Dhabi, ist Allgemeinwissen. Dass in der Stadt allerdings mehr als eine Million Einwohner leben, von denen nur 21% Araber sind, ist weniger bekannt. Abenteurer aus Europa und Amerika wollen hier ihr Glück machen und zu Geld kommen. Die meisten jedoch sind Pakistanis, Inder, Bangladeshis und Schwarzafrikaner, die hier auf ein besseres Überleben hoffen. Sie stehen ganz unten auf der Lohnskala, haben nur Zugang zu untergeordneten Tätigkeiten. Und Reichtum schafft Neider. Deshalb auch die durch Wachpersonal abgesicherten Villengelände, die Viktor am nächsten Tag so verwunderten. Später ging ihm ein Licht auf.
Sein ungeplanter Barbesuch hat Spuren hinterlassen. Nach kurzem Schlaf steht er mit müden Gesichtszügen vor dem Spiegel. Er erkennt sich fast selber nicht. Da hilft eigentlich nur eins: ab unter die kalte Dusche. Es macht schon Sinn, wenn Muslime den Alkohol verdammen. 
Ein Video in der Hotellonge zeigte seinen Gästen sehr informativ Sehenswürdigkeiten und wichtige Daten der Stadt. Viktor nahm in einem der Sessel platz. »Etwas Erfrischendes, der Herr?« Eine Dame der Rezeption bot ein Getränk. Sah sie ihm den Kater noch an?
Viktor hatte keine Ahnung, dass einhundert Millionen Kubikmeter Sand in den persischen Golf gespült wurden und daraus eine Insel mit den Umrissen einer Palme entstand. Sieben Jahre wurde an dem Projekt gearbeitet. In über achtzig Kilometer langen Rohren ist der Sand aus der Wüste angespült worden, um darauf luxuriöse Villen mit 120 km Strand am Rande des persischen Golfs entstehen zu lassen. 
Quer durch die Weltstadt fließt in einem weit ausholenden Bogen der Dubai-Creek, ein Meeresarm, der vorläufig noch in einem Wendebecken endet. Ein künstlicher Kanal ist in Planung und soll den ehemals von Handelsschiffen besegelten Wasserlauf für Sport- und Touristenboote durchgehend befahrbar machen. Für die heutigen Frachtschiffe gibt es an der Küste große Hafenanlagen. An Wasser ist in Dubai somit kein Mangel. 
Viktor erhob sich ächzend, wie ein alter Mann, nach einem Schlaf, in dem ihm wilde Träume bedrängten. Ihm träumte, dass er in einer Kamelkarawane durch eine Sandwüste ritt. Können Halluzinationen reale Ereignisse vorwegnehmen? Das darf dir nicht noch mal passieren, sagte er sich. Die Hoteladresse vergessen und sich abfüllen lassen. Mit müden Augen sah er sich im Hotelempfang aus einem Video Infos zu den Have Must der Stadt an. Sie bewirkten, dass er sich das alles in natura ansehen will. Die Müdigkeit war schlagartig verschwunden.
Viktor will vermeiden, mit der Menge an Touristen in Berührung zu kommen. Kein Drang, sich die Abenteuer der Stadt aus dem Gewühl unzähliger Besucher heraus anschauen zu müssen. 
Als er seine ein-Mann-Tour startet, war es zur frühen Morgenstunde noch recht frisch. Da war eine wärmere Bekleidung noch angenehm. Das Greenhorn rechnete nicht damit, wie schnell die orientalische Sonne an Kraft gewinnt. Die umnebelten Gedanken waren wohl noch in der Norddeutschen Tiefebene, die oft kalt und regenverhangen ist. Als er dann bald zu triefen beginnt, hatte er keine andere Wahl, als den Anorak, der zwar gut gegen Kälte, doch nicht vor Hitze schützt, über dem Arm mitzuschleppen, denn sein Rucksack lag beim übrigen Gepäck im Hotel. Die Denklücken sind wohl auch eine Folge der durchzechten Nacht. In Pakistan darf er sich das nicht leisten. Da kann Alkohol trinken und Frauenanmache tödlich enden. Dubai ist zwar auch muslimisch geprägt, doch hier ist das Leben wegen der massenhaft ausländischen Besucher recht liberal. Sollte anzunehmen sein. Doch Fanatiker streunen überall herum.
Vom Hotel nach dort, wo die Touristenboote auf Passagiere warten, waren es überschaubare Schritte. Das Hotelvideo hat Viktor Lust gemacht, einige Zeit auf dem Wasser zu verbringen. Da wird er sich die letzten Reste der Müdigkeit aus dem Gesicht briesen lassen. Doch welches der vielen Bootsangebote soll er wählen? Mehrere Ausrufer sind schon unterwegs, die lautstark für ihre Dhaus werben. Das sind kleine oder größere Segelboote, in alten Zeiten zur Warenlieferung, heute als Touristenboote verwendet. Die Masten tragen ein meist dunkles Dreieckssegel, das den Gedanken an eine Piratendschunke aufkommen lässt. Und die Dschunkenführer geben sich ganz martialisch. Die wissen genau, was Touristen sich so vorstellen. 
Viktor sucht sich einen aus, der wie ein Seeräuber ausstaffiert ist. Er trägt einen breitkrempigen Hut, dessen Krempe er hochgebunden hat, dazu eine Lederweste über einem weißen Hemd, die mit vier Riegeln vorne geschlossen wird. Eine Hose aus kräftigem Drellstoff, verziert mit Stickereien und Trotteln. Die Füße stecken in Stulpenstiefeln, die bis an die Knie reichen. Über den Rücken trägt der Mann ein alt aussehendes Fernrohr, das vermutlich aber nur eine Attrappe ist. Und in einer Schärpe, die er sich um den Leib gewunden hat, steckt ein Dolch. Der wird echt und noch recht scharf sein.
Ein bisschen Schau belebt das Geschäft, und so gleitet die Dhau, von einer leichten Brise getrieben, an anderen Schiffen vorbei. Größeren, die mit Gruppen von Touri besetzt sind.

 Viktor genießt es, allein mit dem Piratenkapitän den Creek zu besegeln. Das Bord hindert Viktor nicht, seine Hände ins warme Wasser zu senken. Das kühlt trotzdem, und gelegentlich wischt er sich so übers Gesicht. Das vertreibt allmählich die Nachwirkungen der Nacht und lässt ihn die langsame Fahrt voll genießen.
Viktors Pirat ist ein Mann aus Bangladesch, der ihm erzählt, dass im Emirat viele Gastarbeiter leben, auch aus Pakistan. »Mit Tätigkeiten als Taxifahrer, Bootsführer, Bauarbeiter oder im Kleinhandwerk macht sich ein Mann aus diesem von Reichtum verwöhnten Land die Hände nicht schmutzig. Durch den Ölreichtum wird hier nur in Millionen und Milliarden gerechnet,« redete er in Pitchen-Englisch, »da können wir armen Leute nur von träumen. Aber doch lässt es sich hier besser leben als in meinem Heimatland Bangladesch. Leider gibt es jedoch viele Touristen, die nicht unsere Mentalitäten verstehen und uns wie ein Stück Dreck behandeln.« Das hört sich an wie eine Anklage. Doch unterhaltsam ist es, was der Deutsche da von diesem Migranten zu hören bekam. Der verdient sich vermutlich auf ehrliche Weise seinen Unterhalt. Doch wo Reichtum zuhause ist, gibt es ohne Zweifel auch Kriminalität. 
Vielleicht hat Viktor bei dem nächtlichen Ausflug nur Glück gehabt, damit nicht konfrontiert worden zu sein. Und nun suchte er sich einen Piraten als Bootsführer aus. Ist es sein Trieb zum Abenteuer? 
Viktor genießt das Stadtbild zunächst von der Wasserseite aus. So kann er die schon jetzt deutlich spürbare Hitze noch ertragen. Doch irgendwann wird es ihm langweilig, und sein Kater hat sich auch verdrückt. Das ist Grund für Viktor, die Fahrt abzubrechen. Der Bootsführer wunderte sich, als sein Fahrgast das Boot vorzeitig verlassen und den kilometerlangen Weg zurück per pedes zurücklegen will. Der Schweiß würde ihm ein unangenehmer Begleiter sein, meinte er.
»Sir, Sie haben doch das Boot für zwei Stunden gebucht. Weshalb wollen Sie denn jetzt schon an Land gehen? Hab ich nicht genügend über Dubai erzählt, oder sind Sie etwa seekrank?«
»Nein, völlig ok, ich möchte nur ganz einfach die Skyline auch von Land aus genießen und Leute wie Sie im Alltagsleben beobachten. Die Touristen aus aller Welt im Zentrum verfälschen doch das ursprüngliche Leben der Araber. Doch wenn Sie Ärger mit Ihrem Chef bekommen sollten, weil Sie leer zurückkommen: Ich würde schriftlich bestätigen, dass Sie mich nicht über Bord geworfen haben.« Die Gespräche sind natürlich in Englisch geführt worden, nicht in Deutsch, wie man annehmen könnte.
»Keine Ursache. Sie waren mir ein lieber Gast. Und ich hätte noch einen guten Tipp für die Nacht, wenn Sie hier was erleben wollen. Das Golden-City ist sehr zu empfehlen.« Da war ich doch drinnen, erinnert sich Viktor, hab ich nicht alles mitbekommen? Sollte ich da heut Abend noch mal einkehren? Der Bangladeshi klang so geheimnisvoll.
Ab und an führen Treppenstufen direkt ins Wasser des Meeresarmes. Das sind begehrte Sitzplätze. Fußmüde sitzen da und halten ihre Zehen ins Nass, mit Aussicht auf das rege Treiben, das sich auf dem Creek abspielt. An einer dieser Stellen legte der Dhauführer dann an. Trotz Viktors Erklärung wundert er sich über den seltsamen Passagier. So was war ihm bisher noch nie passiert. Seine Fahrgäste nutzten die Fahrzeit stets bis zur letzten Sekunde aus.

Die Ufer des Gewässers sind außer den Treppenstufen auch von Palmenhainen und Blumenrabatten gesäumt.        Im Hintergrund ragen Hotels und Wolkenkratzer in den Himmel. Über einhundert fünf– Sterne – Residenzen sollen es sein, die ihre Gäste verwöhnen. Doch alle werden noch vom Burj Kalifa überragt. Wahnsinn. Ist das der neue Turm zu Babel, der die Menschen verwirrt haben soll? Luxuriöse Anwesen mit grünen, stets bewässerten Rasenflächen liegen hinter unüberwindlichen Mauern verborgen. Von Wächtern beschützt, kann

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ISBN Softcover  978-3-347-38202-2
          Hardcover 978-3-347-38203-9
          ebook        978-3-347-38204-6