Das Dorf der Puppen
   Thatta Ghulamka Dhiroka
im Punjab, Pakistan 

 

Reisekrimi

 

 

                                                               Emirates

 Viktor ist einer der vielen Tausende, ja eher Hunderttausenden Flugreisende, welche das Luftkreuz Dubai am persischen Golf Jahr für Jahr ansteuern. Nicht wenige sind Geschäftsreisende. Der Reichtum der Emirate lockt, um lukrative Geschäftsabschlüsse zu tätigen. Die große Masse aber sind Touristen, auch Globetrotter, um in dieser vor noch nicht allzu langer Zeit aus einem armen Fischerdorf entstandenen Stadt arabische Abenteuer zu erleben. Oder sich einfach nur in dem hier dargebotenen Reichtum zu sonnen.
Für Viktor ist die gleißende Metropole aber nur Zwischenstation, ein Stopover für einige Tage. Entspannt registriert er, was hier gestaltet ist, aber sein eigentliches Reiseziel liegt auf der anderen Seite des Golfs, in Pakistan.
Er ist kein Handelsreisender. Eine weltweit aktive deutsche Organisation entsendet ihn in ein Land, wo nicht Milch und Honig fließt. Man hatte ihm bereits Aufgaben in baltischen Ländern übertragen, jetzt ist Lahore sein Zielflughafen.
Daher ist Dubai für ihn ein willkommener Zwischenaufenthalt. In dieser Wüstenstadt, wo der Grund- und Boden mittlerweile mit Gold aufgewogen wird, verspricht sich Viktor einen Einblick in das feudale Leben der Vereinigten Arabischen Emirate zu verschaffen. Der krasse Unterschied der Vermögensverhältnisse in den Ländern der Erde passen nicht in seine Lebensanschauung, aber er kann es nicht grundsätzlich ändern. Nur versuchen, ein wenig an den Situationen zu verbessern, ist die Intention, die ihn umtreibt.
Drei Tage stehen ihm hier zur Verfügung, um sich in die Verhältnisse und die Gedankenwelt der ehemaligen Nomaden der Wüste Rub al-Chali zurückversetzen zu können. Manche der Beduinen haben ihre Wüstenschiffe mittlerweile mit luxuriösen, klimageregelten Nobelkarossen getauscht. Kamele sind für sie nur noch Nostalgie.
Bereits vom Airport aus sichtet er riesige Hotelbauten, deren Glasverkleidungen das gleißende Sonnenlicht spiegeln. Das höchste Hotelgebäude ist das Burj al Arab mit 321 schwindelerregenden Metern.
Seine Unterkunft ist eines der zwanzig Golden-Sands-Hotels, zu dem er eigens von einer Angestellten abgeholt wird, so, als wäre er ein hochrangiger Diplomat. In einem orientalisch ausgestatteten Zimmer im achtzehnten Stock wird Viktor sich auf das Dinner vorbereiten. Ein Wannenbad mit wohlriechenden Essenzen stimmt ihn auf mehr ein.
Wenn die Fluggäste der Emiratesairline auch ein ansprechendes Menü gereicht bekamen, mit einem Hotelessen, wie es ihm hier serviert wird, ist es nicht zu vergleichen. Wenn ihm im Hotel das Menü wie auf goldenen Tellern dargeboten wird, war es im Flieger nur ein einfacher Plastikteller. Aber immerhin genussvoller als bei den meisten anderen Fluggesellschaften.
Das Hotelessen in dem Ambiente des Golden Sand Nr. zwanzig stimmte Viktor auf mehr ein. Wissbegierig macht sich bei einbrechender Dunkelheit, die auf diesem Breitengrad bereits recht konstant gegen 18:35 eintritt, auf einen ersten Erkundungsgang durch die ihm unbekannte Metropole. Dabei unterlief ihm der Fehler, sich nicht die exakte Hoteladresse gemerkt zu haben, was zur Folge hatte, dass er später sein Resort nicht wiederfand. Er wusste zwar, dass es sich Golden-Sand nennt, aber welches der zwanzig gleichen Namens es denn war, hatte er sich nicht eingeprägt. Sie sind von 1-20 durchnummeriert. Doch unter freiem Himmel hatte er nicht zu schlafen. Es sollte ihm jedoch eine Lehre sein, in Zukunft stets die Gästekarte des Hotels bei sich zu tragen.
Dubai verspricht ein herausragendes Erlebnis für Viktor zu werden. Der orientalische Reichtum imponiert ihm, ist aber leider der pure Kontrast zu unterentwickelten Ländern Afrikas und Asiens. Nur die immensen Ölfunde, die erst 1966 entdeckt wurden, haben diesen Luxus ermöglicht. Doch es wird vorgesorgt für die Zeit, wenn das flüssige Gold in absehbarer Zeit versiegt sein wird. Dann setzt man auf Touristen, die ihr Geld hier lassen.
Viktor hat sich vor der Reise umfassend informiert. Einerseits durch seine Organisation, durch die er gut betreut wird. Aber auch durch eigene Recherchen im Internet. Daher ist ihm bekannt, dass Dubai eines von sieben Emiraten ist, mit deren Hauptstadt Abu Dhabi. In Dubai leben etwa 1,2 Millionen Einwohner, von denen aber nur 21% Araber sind. Die restlichen sind Einwanderer aus der ganzen Welt, zu einem großen Teil Pakistanis, Inder und Bangladeshis.
Bereits früh morgens, völlig entgegen seiner üblichen Gewohnheit, ist Viktor auf den Beinen. Er möchte vermeiden, mit der Menge an Touristen in Berührung zu kommen, denn so kann er sich die Eigenheiten der Stadt geruhsamer anschauen. 
Er rechnete nicht damit, wie schnell die orientalische Sonne an Kraft gewinnt. Als er die Erkundungstour angeht, ist es zu der frühen Morgenstunde noch recht frisch, und entsprechend kleidet er sich. Eine neue Erfahrung, als er dann nichts ahnend zu triefen ansetzt. Da hat er keine andere Wahl, als seinen Anorak, der zwar gut gegen Kälte, aber nicht vor Hitze schützt, über dem Arm gelegt mitzuschleppen. An einen Rucksack hat er nicht gedacht.
An Wasser ist in Dubai kein Mangel, denn quer durch die Stadt fließt in einem weit ausholenden Bogen der Dubai-Creek, ein Meeresarm, der bislang noch in einem Wendebecken endet. Ein künstlicher Kanal ist in Planung und soll den ehemals von Handelsschiffen besegelten Wasserlauf für Sport- und Touristenboote durchgehend befahrbar machen. Für die heutigen Frachtschiffe gibt es an der Küste größere Hafenanlagen.
Die Ufer des Gewässers werden von Palmenhainen und Blumenrabatten gesäumt, etwas im Hintergrund stehen Hotels und Wolkenkratzer. Über einhundert fünf Sterne Residenzen verwöhnen ihre Gäste, und das weltweit höchste Turmhaus ist der Burj Kalifa mit 828 Metern Höhe, das alle anderen Gebäude überragt. Luxuriöse Anwesen mit grünen, stets bewässerten Rasenflächen liegen hinter unüberwindlichen Mauern verborgen. Von Wächtern geschützt, kann Viktor sie nur durch kunstvoll geschmiedete Tore wahrnehmen.
Das offene Meer mit seinen neuzeitlichen Hafenanlagen und den künstlichen Inseln Palm Jumeirah und Palm Jebel Ali ist nicht weit entfernt, aber für Fremde und Leute mit kleinem Budget nicht zugänglich. 
Schon im Hotel, bevor er den Rundgang begann, hat Viktor sich anhand eines Videos, das den Gästen die Sehenswürdigkeiten und wichtige Daten aufzeigte, eingehender informiert. Er wusste zwar einiges von seinen Recherchen vom eigenen PC, aber so detailliert wie dieses Gästevideo waren die Informationen nicht. Erst hier wurde ihm aufgezeigt, dass zum Beispiel an der Aufschüttung in den persischen Golf, um daraus die einzigartige, wie eine Palme gestaltete Insel zu erschaffen, sieben Jahre gearbeitet wurde. Einhundert Millionen Kubikmeter Sand wurden aus der nahen Wüste gespült, um darauf luxuriöse Villen zu erstellen und 120 km Strand entstehen zu lassen.
Viktor chartert sich eine der Touristen-Dhaus, die von einem Mann aus Bangladesch navigiert wird. Der erzählte ihm, dass im Emirat viele Gastarbeiter leben, auch aus Pakistan, denn mit Tätigkeiten als Taxifahrer, Bootsführer, Bauarbeiter oder Kleinhandwerk macht sich ein Einheimischer die Hände nicht mehr schmutzig. Bedingt durch den Ölreichtum wird hier nur in Millionen und Milliarden gerechnet. Interessant, was Viktor da von einem Migranten zu hören bekam.
Viktor genießt das Stadtbild zunächst von der Wasserseite aus. So vermag er die schon jetzt deutlich spürbare Hitze noch zu ertragen, doch als er sich anschließend zu Fuß auf den Rückweg macht, ist ihm der Schweiß ein unangenehmer Begleiter.
Der Bootsführer wundert sich, dass sein Fahrgast das Boot vorzeitig verlassen will und sich den kilometerlangen Weg zurück per pedes zumutet. 
»Sir, Sie haben doch das Boot für zwei Stunden gebucht. Weshalb wollen Sie denn jetzt schon an Land gehen? Habe ich nicht genügend über Dubai erzählt, oder sind Sie etwa seekrank?«
»Nein, alles ok, ich möchte nur ganz einfach die Skyline auch von Land genießen. Doch wenn Sie Ärger mit Ihrem Chef bekommen sollten, weil Sie leer zurückkommen: Ich würde gerne schriftlich bestätigen, dass Sie mich nicht über Bord geworfen haben.«
An einer geeigneten Stelle legt der Dhauführer dann an. Trotz der Erklärung wundert er sich über den seltsamen Fahrgast. So etwas ist ihm noch nie passiert.
Aber Viktor ist wissbegierig und genießt es, das Leben und auch diese Reise aus verschiedenen Perspektiven zu erleben.
Durch die Bootsfahrt ist er weit vom Stadtzentrum abgekommen. Hier ist nicht die Shoppingmall, doch bemerkt er Leute, die nicht vom ausufernden Luxus profitieren. Kinder von Gastarbeitern, die sich durch Papiersammeln oder Rasenpflege einige Dirhams verdienen, beleben die Wege. Auch Eisverkäufer versuchen, ihre Ware loszuwerden. Doch Viktor weiß wie die Einheimischen, dass die Hitze am besten mit Gegenhitze zu bekämpfen ist. Vorzugsweise also mit heißem Tee. 
Kaum jemand schlendert hier außerhalb der City zu Fuß wie dieser Mann, zumal manche Leute, die ihm begegnen, ihn wie einen Türken wahrnehmen. Da ist er ein Exot, der Verwunderung auslöst. Vielleicht auch ein mitleidiges Lächeln produziert. Doch er begeistert sich daran, alles hautnah zu erleben, selbst wenn er dabei in Schweiß gebadet ist. 
Ab und an kommt er durch kleine Palmenhaine, in deren Schatten er sich Kühlung verschafft. Er merkt, dass er nicht mehr auf dem Creek ist, wo doch eine kühlende Brise weht.
Dann wieder durchquert er Strecken mit öden Sandflächen, auf denen vereinzelt großartige Luxusanwesen stehen. Durch Elektronik und Wächter wird das Idyll geschützt und, wenn es sein müsste, auch mit Handfeuerwaffen. Er kann bemerken, wie auf den Dächern dieser Refugien, in kleinen Hütten vor den Sonnenstrahlen bewahrt, Wachtposten sitzen. Was muss das Leben und das Besitztum der Villenbesitzer doch kostbar sein, dass sie einen derartigen Aufwand für ihre Sicherheit betreiben. Die vornehmsten und teuersten Villen liegen allerdings auf den künstlich erschaffenen Inseln im persischen Golf. Das hat er von seinem Bangladeschi erfahren. »Zu den im Form einer Palme mit Sand aufgeschütteten  Eilanden werden wir armen Leute niemals Zutritt erhalten. Aber ich fühle mich auch so hier wohl. Wenn ich da an mein Heimatland denke .....« 
Viktor bannt alle Eindrücke, die er sammelt, nicht nur im Kopf. Seine Kamera ist der ständige Begleiter. Schon jetzt hat er eine Menge Diafilme belichtet. Zu einer der neu aufgekommenen Digitalkameras hat sein Budget bisher nicht gereicht. Die Dinger sind noch unheimlich teuer.
Als Viktor sichtlich ermattet endlich wieder in der Stadtmitte eintrifft, lässt er das pulsierende Leben der Basare auf sich wirken. Als er aber die astronomischen Preise der Waren bemerkt, kommt er sich doch recht bescheiden vor. Die sagenhafte The Dubai Mall mit 1.200 Geschäften auf einer Fläche von 500.000 qm wird als die größte Shopping Mall der Welt gesehen. 
Ein weiteres Hype-Event soll es da geben, was für Viktor aber keinen Wert besitzt: Das großräumigste Hallen-Schnee-Ressort der Welt gibt es hier, auf dem gleichzeitig 1.500 Schlittschuhläufer ihre mehr oder weniger großen Fähigkeiten demonstrieren. Zu horrenden Eintrittspreisen, natürlich. Ein Eislaufpalast am Rande der Wüste! Doch die Menschen in Schwarz-Afrika verdursten und verhungern.
Da erholt Viktor sich lieber in einem der vielen Restaurants, unter einem Sonnenschirm sitzend, und schlürft genüsslich heißen Kaffee.
Jetzt hat er Muße, sich die Informationen, die er vom Hotelvideo, von den Erklärungen des Bootführers und eigenem Anschauen gewonnen hat, Revue passieren zu lassen. Dass es vieler Kilometer langen Rohre bedurfte, Wüstensand ins Meer zu spülen. Nur die sprudelnden Petrodollars ermöglichen das. Einprägsam auch durch die Bootsfahrt war, dass man beabsichtigt, durch die Verlängerung des Creeks eine Lagunenstadt wie Venedig oder Amsterdam erschaffen.                                                        Viktor hegt zunächst Ängste, tief verschleierte Frauen oder die mit ihren so fotogen wirkenden weißen Burnussen und Kufija flanierenden Einheimischen zu fotografieren. Bald aber merkt er, dass es hier recht easy zugeht. Man kann sich geben, wie man gerade will. Das hat die Internationalität, welche die Emirate zu einem Schmelztiegel geformt hat, bewirkt. Warum ist das in anderen Weltregionen nicht ebenso möglich? Der Weltbevölkerung insgesamt würde es besser gehen.
Viktor lässt die für ihn neuartige Umgebung auf sich wirken, und weil es ihn stets interessiert, fremde Kulturen kennenzulernen, möchte er am folgenden Tag zwei Museen besuchen. Er hat sich informiert und weiß, dass dort die teilweise vergangene Lebensart in den heutigen Golfstaaten in Erinnerung gebracht wird. Und er ist angenehm überrascht, als er am nächsten Tag das Museum betritt. 
Nicht nur, dass der Eintritt frei ist. In Dioramen kann er lebensecht nachvollziehen, wie Perlentaucher den Meeresgrund nach Muscheln absuchten, gesichert mit einem Tau am Bein, oder wie der Schulunterricht, was mehr ein Koranunterricht war, abgehalten wurde. Der Imam, welcher den Unterricht erteilte, hatte stets einen Stock in der Hand, um den Kindern die Koransuren einzubleuen. Lebensecht ist dargestellt, wie sie, in der Hocke sitzend, bei Rezitationen ihren Oberkörper vor- und zurückbewegen. Kaufmannsläden sind nachgebaut, und Kamelkarawanen ziehen naturecht nachgestellt durch die nahe Wüste.
Diese heute mondäne Stadt war vor dem Ölboom lediglich von Fischern, Perlentauchern und Händlern bewohnt. Es war nur ein kleiner Ort auf der arabischen Halbinsel, aber der Sitz eines einflussreichen Scheichs. Mit Kamelkarawanen bereisten Handeltreibende die große Wüste, um mit Beduinen in deren Oasen Handel zu treiben. Heute locken sie den Touristen das Geld aus der Tasche. 
In dem zweiten Museum ist vorwiegend die maritime Welt Arabiens dargestellt. Dhaus und Dschunken gibt es da zu sehen, die den Handel bis hinab zum östlichen Süd-Afrika betrieben. Als Seeräuber waren Araber ebenso bekannt. Manches Handelsschiff der Europäer haben die Sarazenen ausgeraubt und versenkt. Reger Sklavenhandel mit Völkern des mittleren Afrikas wurde gleichfalls geführt. 
Es waren die Küstenvölker Kenias und Tansanias. Die am Indischen Ozean lebenden Stämme unternahmen Raubzüge ins Landesinnere, um dort Gefangene zu machen. Auf grausame Art mit Fußfesseln am Fliehen gehinderte Menschen sind dann an Araber verkauft worden. Die waren aber nur Zwischenhändler, denn die >Ware< wurde bis nach Amerika weiterverkauft. Als billige Arbeiter auf den Baumwollfeldern in den Südstaaten mussten sie sich quälen und damit zu dem heutigen Reichtum der Vereinigten Staaten mit beitragen. Dunkelhäutige Menschenware, welche hellhäutigen Nordafrikanern und Baumwollplantagen-Besitzern zu großen Gewinnen verhalfen.
In den arabischen Herrscherhäusern fronten Eunuchen, tiefschwarze aus Afrika, aber auch farbige Inder, die sogar besondere Privilegien besaßen. 
Ihre Aufgabe war es, die Haremsgemächer ihrer Herren zu bewachen. Zu ihren weiteren Diensten gehörte, die ausufernden Liebesnächte der Haremsdamen vorzubereiten und stets diskret zur Stelle zu sein. 
Es ist wieder, zumindest für Europäer, eine schwer zu ertragende, vor Hitze wabernde Luft auf der Straße. Deshalb ist Viktor froh, sich in das angenehm temperierte Museum flüchten zu können. Eine reine Wohltat ist es für ihn, in den Räumen behagliche Kühlung zu finden. 
Tausend und eine Nacht wird anhand von Diarahmen dargestellt. Man hat es bei Detailgenauigkeiten an nichts fehlen lassen.
Dieser Museumsbesuch füllte einen weiteren Tag in der Stadt aus, und am dritten Tag durchquert Viktor die ärmeren Bereiche Dubais. Da, wo Handwerker das Geschehen bestimmen. Hier werkeln die Emigranten aus Pakistan, Bangladesch und Indien zu Hungerlöhnen, wo in der mondänen Welt der Emirate mit Dirhams nur so um sich geschmissen wird.
Viktor lässt bei einem Uhrmacher seine Armbanduhr reparieren, Reparaturschuhmacher betreiben ihr Gewerbe auf der Straße und nähen zerschlissene Schlappen. Deren bessergestellte Kollegen besitzen einen offenen Raum, wo sie feine Damenschuhe anfertigen. In Handarbeit werden die bunten Schühchen genäht und verkaufsbereit zur Schau gestellt. Schneider und Friseure sind emsig für wenige Dirhams tätig. Zeitungsverkäufer verbreiten neueste Nachrichten.
An einem der vielen Kioske schlürft Viktor frisch gepressten Orangensaft. Hier warnt man ihn, das gekühlte Getränk nicht zu hastig zu trinken. »attention, drink slowly, Sir.« Man könnte so leicht eine Magenverstimmung bekommen. Hier spricht jeder Verkäufer auch englisch. 
Es ist ein ereignisreicher Einstieg in die orientalische Welt. Der Flug am nächsten Tag bringt Viktor nach einer Flugzeit von drei Stunden nach Lahore im nördlichen Teil der islamischen Republik. 
Viktors Statur und sein Erscheinungsbild haben schon wiederholt zu Spekulationen geführt, dass er ein Türke sei. Schwarze, füllige Haare schützen ihn vor Sonnenhitze und nordischer Kälte, sein Körperbau ist leicht gedrungen und eher klein. In Dubai hielt man ihn für einen Pakistani mit englischen Blutanteilen. Aber damit vermag er zu leben, für sein derzeitiges Aufgabenfeld wäre das sogar von Vorteil.
Dass etliche Mitreisende erhebliches Gepäck in den Passagierraum mitnehmen dürfen, verwundert Viktor. Weitaus umfangreicher, als das obligatorische Handgepäck. Sind das Privilegierte, haben die etwa Schmiergelder gezahlt?
Auf dem Flug über den persischen Golf und das südliche Pakistan beschleichen Viktor Gedanken, dass die Reise auch mit Risiken verbunden ist. Wird alles gut ablaufen?
Die Maschine fliegt in großer Höhe. Tief unter sich erblickt er das Flusssystem des Indus, der im Himalaja entspringt, das Land von Nord nach Süd durchfließt und dabei die fünf Flüsse des Punjab aufnimmt, die dem Distrikt den Namen >Fünf-Strom-Land< gaben. Südlich von Karatschi mündet er in das Arabische Meer. Hier hat er im Laufe der Jahrtausende durch die immensen Abtragungen aus dem Himalaja ein riesiges Delta gebildet.  Wenn Viktor sich auf Reisen begibt, hat er sich vorher nicht nur über die Menschen, mit denen er zusammentreffen wird, informiert. Auch die landschaftlichen Gegebenheiten interessieren ihn stets. Er ist ja nicht nur bemüht, sein berufliches Wissen weiterzugeben, sondern möchte gleichfalls seinen eigenen Wissenshorizont erweitern.
Nach exakt drei Stunden schwebt der große Vogel über der ehemaligen britischen Garnisonsstadt Lahore und wartet auf die Landeerlaubnis. 
Eine Warteschleife des Fliegers kommt Viktor nicht ungelegen. So kann er aus geringerer Höhe von der Landschaft um Lahore herum mit seinen Grünflächen und den diese durchziehenden Bewässerungsgräben, von fünf Flüssen gespeist, aus dem Flugzeug die Strukturen erkennen. Fünfstromland. Eine eigenwillige, doch zutreffende Bezeichnung. Das ist sein erster Eindruck aus der Vogelperspektive. 
Aus den Bordlautsprechern ertönt die englisch gesprochene Ansage: »Meine Damen und Herren, in Kürze werden wir Lahore-Airport erreichen. Bitte schnallen Sie sich an und stellen Sie die Rückenlehne zurück. Ihre Mobilephones wollen Sie bitte ebenfalls ausschalten. Danke.« 
Zwanzig Minuten später setzt der Flieger mit einem recht unangenehmen Stoß auf der Landebahn des Airports auf. Sogar die Flugbegleiterinnen sind sichtlich erschrocken, doch es ist ihre Aufgabe, Ruhe unter den Fluggästen zu vermitteln. Dann rollt die Maschine, von rückdrehenden Turbinen abgebremst, zunehmend langsamer werdend auf das Empfangsgebäude zu. 
Viktor wird am Airport in Lahore erwartet, denn die Mission in Pakistan ist weitgehend vorausgeplant. Er wird zwar zum ersten Mal diesen geschichtsträchtigen Boden betreten, doch sein Besuch, der für ihn zu einer Erkenntnisreise werden dürfte, wurde von westlichen Landeskennern vorbereitet. Das wird für Viktor eine wesentliche Unterstützung bedeuten.
Urdu ist die offizielle Landessprache der Pakistani, doch für Viktor ein Buch mit sieben Siegeln. Es wird in diesem Land als zweite Amtssprache jedoch auch nach wie vor Englisch gesprochen, obwohl die ehemalige Kolonialmacht längst ihre Fahnen gestrichen hat. Sie ist bei manchen Pakistanern unbeliebt.
In abgelegenen Landesteilen liegen außerdem viele Stammessprachen- und Dialekte auf der Zunge. Siebzig unterschiedliche Idiome sollen es sein. Und auf der ganzen Welt? Unvorstellbar, welche Menge an Worten und Ausdrücken der menschliche Geist ersinnen und das Zungenorgan zu Begriffen formen in der Lage ist.            

 

Hier endet die Einführung in den Roman. In der Endfassung wird er einen Leseumfang von ca. 430 Seiten haben. Die Veröffentlichung ist für etwa Juli geplant.

 

                                                          Pakistan